Kritiken:
Hommage an Einar Schleef: eigener Bericht, 18. 11. 2000
"Deutsche Sprache Schwere Sprache" in Schwerin
Von Wolfgang Behrens
Einar Schleef ist ein Künstler mit vielen Gesichtern, von denen das des dimensionensprengenden Theaterregisseurs nur das bekannteste ist. Doch es gibt auch den Dramatiker Schleef, dessen Theaterstücke in denkbar großem Gegensatz zu seinen Inszenierungen stehen: Kein Zug ins Große, Monumentale findet sich hier, vielmehr handelt es sich zumeist um Kammerspiele, deren Intimität und Privatheit durch den eindeutigen Bezug auf die Biographie des Autors noch gesteigert werden. Zweifellos gibt es zwischen den beiden Polen dieses erstaunlichen Theaterkosmos verdeckte Zusammenhänge. Wenn etwa Schleef in eigenen Produktionen als Schauspieler auftritt, so entsteht inmitten der kühnsten Bühnenvisionen plötzlich jene Privatheit, die auch in seinen Stücken waltet. Es ist dann nahezu unmöglich, Rolle und Persönlichkeit zu trennen: ein Umstand, der auf einige Kritiker äußerst verstörend wirkte. Des weiteren verbindet Stücke und Inszenierungen die Fixierung auf die Figur der Mutter. In den Totentrompeten, aber auch in Lange Nacht, ist es die konkrete Gestalt der Mutter Schleefs, die Vorbild stand. (Natürlich darf die reale Gertrud, die auch im Mittelpunkt des gleichnamigen zweibändigen Romans steht, nicht völlig mit der fiktiven identifiziert werden. Schleef sagte einmal in einem Publikumsgespräch, seine Mutter sei nicht so gewesen, wie er sie beschrieb, sie sei aber nach Lektüre seiner Texte so geworden.) Demgegenüber stellte der Regisseur in Aufführungen wie Die Mütter, Salome (Herodias) oder Ein Sportstück (die Mutter eines Sportlers) immer wieder archetypische Mutterfiguren auf die Bühne. In seinen Texten schickt Schleef die Mutter durch die kleine, in seinen Inszenierungen durch die große Welt.
Die kleine Welt ist die Welt Sangerhausens, der Heimatstadt Schleefs. Am Beginn der Uraufführung des dritten Totentrompeten-Teils Deutsche Sprache Schwere Sprache, die am vergangenen Donnerstag im Schweriner E-Werk stattfand, machte uns der Regisseur Ernst M. Binder in einer kurzen Dia-Show mit diesem thüringischen Provinznest bekannt, ebenso mit der Vorgeschichte seiner drei liebenswertesten und furchtbarsten Einwohnerinnen: Trude, Elly und Lotte. Sie waren die Heldinnen der ersten beiden Totentrompeten-Teile, die vor einigen Jahren ebenfalls in Schwerin uraufgeführt wurden. Es fällt schwer, diese drei alten Schachteln als Freundinnen zu bezeichnen, denn meist beschimpfen sie sich, zerreißen sich das Maul übereinander oder intrigieren. Doch sie kommen nicht voneinander und sind geeint in ihren kleinen Sehnsüchten: Geld, Männer, Reisen ... Sie sind altgewordene, in die DDR versetzte Wiedergängerinnen der Drei Schwestern von Tschechow, und Schleef weist hierauf explizit hin: "Nach Moskau!" heißt es am Ende des ersten Teils, "Nach Berlin!" ruft Trude am Ende des dritten Teils aus, als die Mauer fällt.
Im dritten Teil, der nach "Schauspiel" und "Tragödie" nun die "Komödie" bringt, hat sich einiges geändert. Lotte, die bislang nur stumm agierte, hat ihre Sprache wiedergefunden und plappert nun munter mit. Verloren hat seine Sprache ein anderer, der Volkspolizist Meyer, "dems republikflüchtige Töchterlein ein Bein stellte". Er wurde degradiert, ist nun sprachgehemmt und sucht Hilfe bei Trude, deren Sohn ein Stotterer ist. Doch unglücklicherweise hat Herr Meyer Trude einmal einen Ausreiseantrag verweigert, und die alte Dame tut alles, um den Täter von damals zu demütigen. Sie quält ihn mit lächerlichen Sprachübungen und den 10 Geboten des Guten Sprechens und führt ihm so ein ums andere Mal seine Hilflosigkeit vor Augen. Lotte und Elly sind derweil auf Bräutigamschau, sortieren Bewerber und erleben eine Pleite nach der andern. Schließlich landen sie mit dem Polizisten Meyer im Bett und werden prompt von Trude dabei erwischt - das Boulevard-Theater läßt grüßen. Im Hintergrund dieser durchaus vergnüglichen Handlung ist immer die DDR-Alltagsrealität gegenwärtig: die Söhne im Westen, die Stasi im Nachbargebäude und die Herbstmesse in Leipzig.
Als Lotte noch stumm war, stellte ihr Ernst M. Binder den schrillen Gesang der sibirischen Stimmartistin Sainkho Namtchylak an die Seite - ein Sound, der die Aufführungen der ersten Teile entscheidend mitprägte. Nun, da Lotte wieder spricht, verzichtet Binder nicht nur auf Sainkho Namtchylak, sondern auf jegliche Musik. Er verläßt sich ausschließlicher denn je auf seine drei Schauspielerinnen, die auf einer mit Sofa, Tisch und Stühlen nur spärlich eingerichteten Bühne (Luise Czerwonatis) agieren. Doch auf Lore Tappe, Ute Kämpfer und Gretel Müller-Liebers kann man sich blind verlassen! Lore Tappe als Trude spielt ihre Machtspielchen mit dem Polizisten in einer großartigen Mischung aus Herrschlust, Mütterlichkeit und unterschwelliger Erotik. In einer tollen Szene reitet sie triumphierend, lüstern und böse auf dem am Boden kriechenden Polizisten - Königin und Domina zugleich. Ute Kämpfer, deren stumme Lotte so anrührend war, läßt dieser nun mit beredter Mimik einen zweiten Frühling angedeihen: Unnachahmlich, wie sie kokette oder auch verdutzte Grimassen auf ihrem Gesicht einfriert und dabei fast zum jungen Mädchen wird. Gretel Müller-Liebers' Elly ist die alles kommentierende alte Jungfer, die aus sicherem Abstand entweder mitleidet oder ihre Giftpfeile verspritzt. Und am schönsten ist es, wenn sie sich aufregt und entschlossen ihre Fäuste auf den Tisch stemmt. Alle drei schlagen herrliche Funken aus der eigenartig verknappten Sprache Schleefs, die oft Personalpronomen, Artikel oder Hilfsverben unterschlägt und wie ein eigener Soziolekt wirkt. Gegen die Damen fällt Gottfried Richter als Polizist etwas ab. Er bemüht sich redlich, die sprachliche Hemmung auch als körperliche umzusetzen, nicht immer aber gelingt dieser Versuch überzeugend. Er streift zu sehr die Karikatur.
In der Schlußszene hat Binder unversehens dem Schleef-Regiestil eine kleine Reverenz erwiesen. Den realistischen Boden der Inszenierung verlassend, stehen die drei Schauspielerinnen nun unbewegt in weißen Kitteln hinter eben jenen Blecheimern, denen man - etwas überspitzt - nachsagt, Schleefs Hauptrequisit zu sein. Während die Frauen aus dem Fernseher die Nachricht vom Berliner Mauerfall erhalten und nebenan die Stasi in Flammen aufgeht, erproben sie sich im chorischen Sprechen - das im Text auch tatsächlich gefordert ist - und ziehen schließlich "Brüder zur Sonne, zur Freiheit"-singend ab. Doch leider bleibt dieses Bild bei Binder schwach, sowohl das chorische Sprechen als auch das statische Arrangement wirken kraftlos. Wie hätte Schleef diese Szene wohl auf die Bühne gebracht?
Zum Schluß gab's wohlverdienten, lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten, den Autor, der aus Berlin herbeigeeilt war, eingeschlossen. Und der schreibt gerade an Totentrompeten 4: Gute Reise Auf Wiedersehen. Die Uraufführung soll in der nächsten Spielzeit am gleichen Ort stattfinden. Wir werden berichten!
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