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Ein knappes Jahr nach Schleefs plötzlichem Tod in einem Berliner Krankenhaus zeigt die von Carsten und Gerhard Ahrens kuratierte Ausstellung in der Kestner Gesellschaft Hannover erstmals Teile aus dem umfangreichen Nachlaß des Künstlers.
Glaube, Liebe und Hoffnung stehen hier als Wahrzeichen einer lebenslangen Auseinandersetzung mit jenem schwarzrotgoldenen Deutschland, dessen mahnende Geschichte Schleefs eigene zerrissene Gegenwart bestimmt hat. So ordnet sich die Ausstellung nicht nur entlang der Gegenüberstellung von Ost und West – sondern ebenso in der von Vergangenheit und Lebenszeit. Ein Dualismus, der als quälender Balanceakt im biographischen und künstlerischen Material Schleefs spürbar wird.
Das Zentrum der Hannoveraner Ausstellung wird dementsprechend als Riß inszeniert: in der "Halle der Geschichte" erinnern Videoprojektionen aus Schleefschen Theaterinszenierungen an die in ihnen thematisierten Momente des Verrats, die das deutsche Volk durch seine politischen Führer erlebt hat. Erster Weltkrieg, Weimarer Republik und Faschismus ("Verratenes Volk" DT Berlin 2000) sind hier verschränkt mit Schleefs Blick auf die deutsche Wiedervereinigung ("Wessis in Weimar" Berliner Ensemble 1993), die er allesamt als chorischen Abgesang auf gescheiterte Revolutionen inszenierte. Die auf den Videos festgehaltene Kontrastierung von lyrisch-melancholischen Weisen und aggressiven Kampfliedern macht noch einmal deutlich, wie treffend Einar Schleef die deutsche Geschichte und deren Psychopathologie in Bilder und Töne zu bringen vermochte. Die soziale Gemeinschaft – bei Schleef immer als Chorkörper auf der Bühne – kennt Marschieren, Sterben und Tanzen als inkarnierte Bewegungsformen.
Links und Rechts dieses zentralen black cube lassen sich Ost und West als Lebensachsen aus den hier versammelten Fotos, Briefen, Skizzen und Filmdokumentationen herauslesen. "Zuhause" ist da, wo sich im Osten die Halden des Kupferbergbaus als monumentale Dreiecksarchitektur gegen den Himmel abheben. Die Pyramiden von Sangerhausen waren dem Künstler gleichsam "Aufschüttungen der Geschichte", Zentren einer Welt, die von Kriegen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war. Diese Welt bleibt als innere Topographie die Matrix Schleefschen Denkens – er wird sie einst als begehbare Landkarte im Berliner Rathaus Schöneberg installieren. Nicht weniger labyrinthisch erscheint das Dasein Schleefs im Westen: Momentaufnahmen eines im Schatten der Mauer ergrauenden Westberlin, das sich im Dauerregen aufzulösen droht. Aus dieser Zeit finden sich Briefe an die im DDR-Gefängnis sitzende Lebensgefährtin Gabriele Gerecke, in denen Schleef mit einer Mischung aus Lyrik und Verzweiflung versucht, gegen die wachsende räumliche und zeitliche Entfremdung anzuschreiben. Das Sujet der Einsamkeit und der scheiternden Kontaktaufnahme klingt im großen Ausstellungssaal des zweiten Geschosses in einer eindrucksvollen Installation wider. Hier findet sich eine Anzahl großformatiger Leinwände zu einem Gewirr aus Bildern gerichtet, die als Darstellungen von Telefonzellen erkennbar werden. Neben den umfangreichen Skizzen und Theatermaterialien wird hier Schleefs malerisches Werk auf sinnfällige Weise präsentiert. Die kontrastreichen und chromatisch ausdrucksstarken Bilder zeigen nahezu lebensgroße Figuren, deren verwaschene Gesichter aus höhlenartigen Telefonzellen hervorschimmern: verlassen Rufende mit gesenktem Kopf und handwarmen Groschen in der zusammengepreßten Faust. Hier stehen sie als Markierungen einer gerissenen Verbindung zwischen Ost- und Westdeutschland, Vergangenheit und Gegenwart.
Die gegenüberliegende Halle "Deutschland Mutter und Söhne" bildet gleichsam das Herzstück der Ausstellung. In ihr tritt der Besucher in eine mit schwarzrotgoldenem Teppich ausgelegte 'Grabkammer', an deren Wänden sich Fotografien von Schleefs toter Mutter auf dem Sterbebett entlangreihen. Ihrem zahnlosen erstarrten Körper gegenüber, zeigt eine Videoprojektion die zum Fleischhaufen zusammenbrechenden "sterbenden Söhne" aus der Berliner Inszenierung von "Wessis in Weimar". Ausschnitte aus der Totenklage der "Mütter" (Frankfurt 1986) verschmelzen mit dem chorisch dargebrachten "Der Mond ist aufgegangen" ("Macht Nichts" Berlin 2001, nicht mehr realisiert) zur räumlichen Spitze des memento mori Ensembles. In diesem Gedenkraum, wo Soldatensöhne sinnlos neben ausgezehrten Müttern sterben, liegt der Tod Einar Schleefs wie eine offene Wunde im Raum. "Das Fallen hat von mir Besitz ergriffen" leuchtet es aus einem seiner Texte von der Wand. Der Krater, den sein bestürzender Tod in unsere Kultur gerissen hat, wird hier in der Kestner Gesellschaft als Frage an die gesellschaftliche Gegenwart in seinem ganzen schmerzhaften Umfang formuliert.
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