Neue Zürcher Zeitung, 10. 6. 2000:
Totenpalaver - Drei Monologe von Elfriede Jelinek
Von Franz Haas
Immer wieder verhärtet sich die Front zwischen Erinnern und Vergessen. Als vor kurzem die Wiener Schauspielerin Paula Wessely im hohen Alter starb, gähnte in den meisten Nachrufen eine milde Leere über ihre Rolle während des Nationalsozialismus, oder es wurden «die bösartigen und meist ahnungslosen Attacken» gegen sie pietätvoll weggewischt. So gespenstisch dieser Drang zum Vergessen auf der einen Seite des kulturkritischen Grabens ist, so schauderhaft kann auch die Monotonie des Erinnerns sein. Wie man mit dem Hammer kritisiert, zeigt Elfriede Jelinek in ihrem Stück «Burgtheater» (1985), einer schaurigen Posse über die Vergangenheit der Schauspielerfamilien Wessely und Hörbiger. Arg malträtiert sie dabei die Kunst, aber die Wahrheit hat sie auf ihrer Seite. In späteren Werken der Autorin hat es die Wahrheit nicht mehr so leicht, wenn ganz Österreich als faschistischer Komposthaufen beschrieben wird, wo die Skilehrer und die Pensionisten, die Sportler und die Schnitzelesser allesamt Faschisten sind. Die Automatik solcher Kritik hat ihre Faszination, die serielle Übertreibungstechnik ist mittlerweile bei vielen Autoren beliebt. Dem Wahren, Guten und Schönen, vor allem aber dem isolierten Land bekommt sie nicht, die witzlose Bitterkeit der Erinnerer fast ebenso wenig wie der Honig der Vergesser.
Die neuen Texte von Elfriede Jelinek in dem schmalen Band «Macht Nichts. Eine kleine Trilogie des Todes» sind ein herbes Konzentrat, die Essenzen ihrer Welt- und Österreichkritik in knapp dosierter Form, zuweilen zum unkenden Rätsel kondensiert. Es sind Monologe von Tätern und Opfern, sie reichen vom Gemunkel einer toten Schauspielerin bis zum Babbeln eines Geistesgestörten. Sie «sind für das Theater gedacht, aber nicht für eine Theateraufführung», also zum Vortragen oder Lesen, was die Geduld auf schwerste Proben stellt. Enigmatisch klirren die Assoziationsketten, verworren holpern die Bilder und Wortspiele durch Gegenwart und Vergangenheit, hinken über das «ewig schlamm-braune Land». Die Toten palavern in jenem krausen Jargon der Öffentlichkeit, halb Heidegger, halb Kronen-Zeitung, den die Autorin in allen ihren Werken verhöhnt. Nicht immer ist auszumachen, wo der rhetorische Nebel dieser Figuren aufhört und wo die mechanische Kritik von Elfriede Jelinek beginnt. Das Gerede bedroht auch ihre Rede. So hüllt sich die Vergangenheit noch dichter in obskure Schwaden und gallige Sprechblasen. Und doch ist dieser scheinbar ungeniessbare Sprachsud eine legitime Medizin gegen den Gedächtnisschwund: vor allem angesichts der milden Vergesser, der Nostalgie nach der seligen «Jahrhundertschauspielerin», nach der ewigen, holden, gestrigen Kunst.
Der erste Monolog mit dem Titel «Erlkönigin» ist eine Art Epilog zu Jelineks Stück «Burgtheater», es hält ihn die «berühmte Burgschauspielerin, die tot ist» (die nun wirklich tot ist) und einem alten Brauch gemäss im Sarg «drei Mal um das Burgtheater herumgetragen» wird. Die Frau hatte in der Nazizeit in der Propagandamaschinerie mitgewirkt, auf ihre Art hatte sie Macht über die Massen. Aber «angebetet zu werden, ist nicht lustig». Ihre wirre Rede ist halb Verteidigung, halb Verdunkelung dieses Sündenfalls, ihr Vokabular ist das von ehemals, vermischt mit dem Medienjargon von heute. - Paula Wessely wurde auch nach ihrem realen Tod von Jelinek als «Kriegsgewinnlerin» bezeichnet: Die «verkitschte Blut-und-Boden-Sprache dieser völkischen Heimatideologie hat in den Heimatfilmen der fünfziger Jahre fortgewirkt und reicht bis heute». Solche Attacken übers Grab hinaus mögen unsympathisch erscheinen, doch sie stehen als korrigierender Kontrast neben den huldvollen Nachrufen.
Der zweite Teil heisst «Der Tod und das Mädchen», es ist die Wechselrede von Schneewittchen und dem Jäger. «Es geht um das Wahre, Gute und Schöne», um einen Täter und ein Opfer, denn der Jäger schiesst das Schneewittchen tot. Das konfuse Gerede der beiden erinnert an Jelineks Stück «Totenauberg», aber auch an das Gequassel der neuesten Massenmedien: «Ich mache jetzt eine Schadensmeldung für die Seinsversicherung und dann noch einen Personensuchlauf, weil ich so lange ohnmächtig war, was meine Stiefmutter ihrerseits als Tod und Machtlosigkeit interpretierte», sagt Schneewittchen, und ein paar Seiten weiter liegt es tot im gläsernen Sarg, umgeben vom Nichts und den sieben Zwergen.
Auch der dritte Teil trägt den Titel eines Schubert-Liedes. «Der Wanderer» ist der Monolog des geisteskranken Vaters der Autorin, ein exemplarisches «Opfer, das auch nie eines sein wollte». In seine Ansprache will Elfriede Jelinek alle sprachliche Schizophrenie der modernen Welt verpacken, zwischen einem heideggernden Solipsismus und einem plappernden Massenjargon. Hier ist ihr Wille zur Verwirrung am grössten, und der Nonsens ist auch plausibel durch die Geistesverfassung des Sprechers, was die Welt aber nicht klüger und diesen Text nicht lesbarer macht: «Also mir leuchtet irgendwie ein, dass es praktisch ist, wenn man das Seiende einfach sein Bündel schnüren und, noch warm wie Leberkäs, aber nicht mehr lang, sich in eine Semmel einpacken lassen kann, als gäbe es den an sich Seienden nicht, der einen oder den anderen einmal strafen wird, ich bin der Herr dein Gott.»
Erst in einer Nachbemerkung spricht die Autorin aus, was sie sagen wollte: Es «verschwindet der Unterschied zwischen Tätern und Opfern», zwischen wirklichen und möglichen Opfern. Und mancher hat sich nachträglich eine Opferrolle «auf den Leib geschrieben», wie Binjamin Wilkomirski, eine Rolle, die neuerdings «deutlich im Kurs gestiegen» ist. Deutliche Worte, aber es folgt ihnen gleich der übliche Verdunkelungszwang. Denn bis zuletzt lässt sich Elfriede Jelinek ihr orakelndes Sprachspiel nicht nehmen. Abrupt und sibyllinisch endet ihr Grübeln über «diesen Krieg» der Opfer, über die Macht und das Nichts: «Es ist alles eins. Macht nichts. Die Autorin ist weg, sie ist nicht der Weg.» - Günther Anders hat solches Wortturnen bei Heidegger als «etymologisches Philosophieren» verspottet.
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