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Verratenes Volk

Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk.

von Einar Schleef
nach Texten von Alfred Döblin, John Milton, Friedrich Nietzsche und Edwin Erich Dwinger

Premiere: 29. Mai 2000, Deutsches Theater Berlin
Mitwirkende: Solisten: Constanze Baruschke, Margit Bendokat, Simon Boer, Niels Bormann, Stefanie Frauwallner, Felix Goeser, Jörg Gudzuhn, Patrick Hanbaba, Richard Heinrich, Jutta Hoffmann, Bettina Hoppe, Nina Hoss, Inge Keller, Horst Lebinsky, Jürgen Lehmann, Christian Lessiak, Markus von Lingen, Roman Pauls, Steffi Petrowitz, Ursula Renneke, Stefan Rudolf, Einar Schleef, Christoph Theussl, Robert Wolfram
Konzertchor der Staatsoper Unter Den Linden: Monoka Bese, Johannes Biebl, Doris Bürkner, Daniela Crome, Marcus Crome, Horst Dittmann, Lothar Draeger, Regine Fickweiler, Thomas Gerlach, Volker Giese, Ilse Gruner, Uli Heim, Heide Henkel, Karl Helm, Lieselotte Helm, Gerhard Hiller, Andrea Hoffkamp, Barbara Jaenichen, Michael Koch, Norina Kutz, Christa Meier, Christian Meier, Gregor Meier-Sundhaußen, Manfred Meier, Stefanie Metzler, Helga Nern, Sabine Nickel, Ulrike Petzold, Gabriela Prehn, Brigitte Schanze, Frank Schmidt, Harry Schöppe, Bernhild Schramm, Ingetraud Skirecki, Uwe Stengel, Annika Svensson-Steiner, Siegfried Thom, Helge Witt


Kritiken:
Spiegel online, 30. 5. 2000
Die Presse, 31. 5. 2000
Der Tagesspiegel, 31. 5. 2000
Berliner Zeitung, 31. 5. 2000
Frankfurter Rundschau, 31. 5. 2000
Süddeutsche Zeitung, 31. 5. 2000
Die Welt, 31. 5. 2000
Neue Zürcher Zeitung, 31. 5. 2000
die tageszeitung, 2. 6. 2000
5. Nachwuchskritiker-Wettbewerb: Berliner Zeitung, 4. 7. 2000

Foto: Maria Steinfeldt
Den meisten Kritikern ist entgangen, daß Schleef den in Verratenes Volk eingelegten großen Nietzsche-Monolog aus "Ecce homo" bereits Anfang März im Wiener Akademietheater zu Gehör brachte (wenn der Nietzsche-Darsteller im Programm als "erkrankt" gemeldet wurde, so handelte es sich also offenbar um einen Witz). Vgl. zu dem Wiener Nietzsche-Abend:
Der Standard, 4. 3. 2000

Vorberichte:
Berliner Zeitung, 6. 5. 2000
Berliner Morgenpost, 5. 5. 2000
Berliner Zeitung, 5. 5. 2000
Die Welt, 5. 5. 2000




Spiegel online, 30. 5. 2000:

Schöne Gewalttat - Einar Schleef inszeniert am Deutschen Theater in Berlin einen monumentalen Parforceritt durch die Wirrungen der Novemberrevolution. Für die Zuschauer gilt: Wer sich auf "Verratenes Volk" einlässt, muss sich in Unterwerfung üben.

Von Matthias Heine

Zur Ouvertüre einer Schleef-Inszenierung gehört der Krach um Geld und Technik genauso wie Premierenverschiebungen und Schauspieler, die vor dem perfektionistischen Terror des Monomanen zittern. So war es auch im Berliner Deutschen Theater, wo Schleef am Montagabend ein verwirrtes Publikum auf eine lange Reise in die Nacht der deutschen Novemberrevolution von 1918 entführte.

"Verratenes Volk" hat der 56-Jährige aus Texten von Milton, Nietzsche, dem Roman "Armee hinter Stacheldraht" des völkischen Autors Edwin Erich Dwinger und Alfred Döblins "November 1918" kompiliert. Aber natürlich ist alles vor allem Schleef. Er hat die Kraft, sich sogar einen Nietzsche-Text anzueignen, als wär's ein Stück von ihm. Eine Stunde fast donnert und flüstert er - eingesprungen für einen geflüchteten Schauspieler - ganz allein mit einem Glas Wasser die schon vom Wahnsinn verdüsterten Monologe des Hammerphilosophen aus "Ecce homo".

Dieser Furor lässt sich auch nicht von höheren Mächten zähmen: Als ein Blitz in ein nahes Umspannwerk einschlug und die Lichtanlage verrückt spielte, irritierte das den Schleef-Nietzsche nur kurz. Gott ist vielleicht nicht tot - aber selbst er konnte seinen vermessenen Knecht dort auf der Bühne nicht stoppen.

In dieser wahrscheinlich aufwendigsten Sprechtheaterproduktion des Jahres gibt es natürlich wieder gewaltige Chöre. Es gibt Momente, in denen sich Verzweiflung und Witz abgründig verstricken. Etwa wenn Rosa Luxemburg (einzigartig: Jutta Hoffmann) halbwahnsinnig im Gefängnis einer proletarisch verschlagenen Kalfaktorin (Nina Hoss) gesteht, ihr toter Geliebter ergreife gelegentlich Besitz von ihr.

Und es leuchten überwältigende Bilder: Wenn etwa Hoffmann-Luxemburg in der Rüstung einer deutschen Jeanne d'Arc mit Stahlhelm müde hinter der roten Fahne hertrottend ihr Schwert auf dem Boden schleifen lässt, klingt es wie die Totenglocke für die Revolution und die Revolutionärin.

Die Schwäche dieser großen und schönen Gewalttat ist jedoch der Text. Zuviel Geschichtsbuchgefasel und allzu detaillierte Ausmalungen des luxemburgischen Wahnsinns beweisen, dass Schleef keine Textvorlagen von Rolf Hochhuth - wie einst bei "Wessis in Weimar" - braucht, um geschwätzig zu werden. Nach fünfeinviertel Stunden stellten sich schließlich auch beim wohlwollendsten Zuschauer Ermüdungserscheinungen ein.

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Die Presse, 31. 5. 2000:

Deutsche Geschichte, Thrill & Drill - Einar Schleef hat am Berliner Deutschen Theater "Verratenes Volk" zur Uraufführung gebracht: nach Texten von Milton, Nietzsche, Edwin Erich Dwinger, Alfred Döblin: sehr lang, sehr anstrengend - aber erfrischend.

Von Sigrid Löffler

Thomas Langhoffs "Deutsches Theater", seit Monaten von Fehlschlägen schwer gezeichnet, hat sich einen radikalen Befreiungsschlag verordnet und dafür den Theater-Berserker Einar Schleef ins Haus geholt. Der tat wie immer sein Äußerstes, um seinen Ruf als fürchterlichster aller Bühnen-Schleifer zu bestätigen und das verhaßte Stadttheatersystem zu sprengen. Durch Probenexzesse, Nervenkrieg, schiere Übergröße und Überlänge des Unternehmens "Verratenes Volk" brachte er das Haus fast zum Kollaps, die Produktion fast zum Abbruch.

Dennoch - am Montagabend erlebte, nach allerlei Eklats, taktischer Krankheit des Regie-Helden und wochenlanger Verschiebung, die Produktion ihre kaum mehr erwartete Uraufführung - mit 62 Mitwirkenden und in voller, fünfeinhalbstündiger Länge, komplett mit Exodus der nervenschwächeren Zuschauer zwischendurch, Jubel sowie Buhgeschrei derer, die bis zum Ende ausgehalten hatten.

Die Sache zielte aufs Große und Ganze, darunter tut Einar Schleef es nicht. Sie begann bei Adam und Eva und endete mit dem Tag des Zorns. Anfangs saß die feine, alte Inge Keller weiß gewandet vor dem blendend weiß ausgeschlagenen Bühnen-Halbrund und beschwor das verlorene Paradies: Sie rezitierte den Sündenfall aus Miltons "Paradise Lost". Am Ende standen die schwarzen Bühnenchöre im Gegenlicht drohend an der Rampe aufgepflanzt und brüllten das "Dies Irae" aus dem Mozart-Requiem in den Saal. Dazwischen aber ereignete sich deutsche Geschichte à la Schleef - und die läßt sich auf drei simple programmatische Sätze bringen: Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk.

Der Programmzettel kündigte Jutta Hoffmann als Rosa Luxemburg und Jörg Gudzuhn als Liebknecht an, meldete aber die Darsteller von Kaiser Wilhelm II. und Nietzsche als "erkrankt". Das ließ Schlimmes befürchten. Das Schlimme trat umgehend ein. Einar Schleef schritt an die Rampe und zitierte, wie durch Magie vorm Stottern bewahrt, halbstundenlang aus "Ecce Homo", genauer: Schleef sprach mit Nietzsche-Worten von sich selbst. In diesen Sätzen pochte, im rhetorischen Gestus der Verkündigung (oder der Marktschreierei), Selbstüberhebung.

Man begriff, was gewollt war: Mit Nietzsche im Munde setzte Schleef das Maß des Größenwahns. Offen blieb nur, ob Schleef als Religionsstifter sprach, als Welteroberer oder als Gott - vermutlich als alle drei zugleich. Als Schöpfer - oder als Hanswurst - seines eigenen Theater-Kosmos hatte sich Schleef damit behauptet, auch wenn die Leute sehr oft so kicherten, als handle es sich um Thomas Bernhards hochnotkomische Schmähreden. Danach konnte es endlich losgehen mit dem deutschen Volk.

Schleef, Choreograph großer Chormassen, erfüllte sich seinen deutschen Traum: Er inszenierte sich als Lenker der deutschen Revolution von 1918 und vollendete damit als Bühnen-Realität, was die historische Wirklichkeit vermurkst hatte. Indem er seine Mannschaften zu Brüllchören, deutschem Chorgesang und allerhand Leibesübungen, mal mit Liegestützen, mal mit Massenvergewaltigungen, drillte, zeigte er das Volk, wie er es sieht - als leidende, mißbrauchte, in Weltkriegen verheizte, in Revolutionen verhetzte Masse.

Das Volk gruppiert sich zu plakatschönen revolutionären Arrangements - als Soldatenmassen in sibirischer Gefangenschaft, als aufständische Matrosenmassen, als fahnenschwingende Arbeitermassen -, während die Volksführer Liebknecht und Luxemburg hadernd, zaudernd, zeternd die historische Chance vergeben, die sie in Wahrheit nie hatten. Rosa Luxemburg, aus dem Gefängnis befreit, dreht sich als gewappnete Germania im Zentrum der Drehbühne, während die Volksmassen um sie rotierend den Aufstand proben, dann geht sie unverrichteter Dinge kleinlaut ab, das unbenützte Schwert müde hinter sich herschleifend.

Am Ende mutiert das Volk blitzartig von einer Revolutionsmasse zur siegreichen Bürgermasse, die zu englischen Motetten tanzt, während die Leichen der ermordeten Spartakisten-Führer auf dem Boden liegen.

Lohnt die Theater-Strapaze, die bis in den frühen Morgen dauerte? Durchaus. Extremist Schleef hat das Deutsche Theater geschunden, er hat ihm das Äußerste abgezwungen. Am Ende wirkte das Haus zwar müde, aber gewaltig erfrischt.

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Der Tagesspiegel, 31. 5. 2000:

Auf zum letzten Geschlecht! - Eine Revolution und fünf lange Deutschstunden - Ein Stück von Einar Schleef am Deutschen

Von Rüdiger Schaper

Gegen 23 Uhr sagt Rosa Luxemburg: "Nein, ich halte durch". Und: "Von Lenin lernen, heißt siegen lernen." Es hat eine grelle Explosion gegeben, und Gott hat - wenn es ihn gibt - vom Himmel eine blutigrote Fahne herabgeschleudert. Ein Trupp junger Männer in rotem Turnzeug rast auf der Drehbühne herum, rote Fahnen schwenkend, mit einem Lied auf den Lippen: "Ich bin auf einem russischen Acker erfroren." Sie stellen Rosa Luxemburg als Denkmal in die Bühnenmitte, mit Helm, Schwert und Brustpanzer - eine Jeanne d'Arc der deutschen Revolution, eine rote Germania?

Wir sind im Deutschen Theater Berlin. Wir sind Zeuge eines furchtbaren deutschen Theaters von Krieg und Vernichtungswut, Nacktheit und roher Gewalt, Anmaßung und Überhebung, Philosophie und Proklamation. "Eine neue Art Mensch muss geschaffen werden." Und: "Völker, hört die Signale!" Und: "Dies irae." Wir erleben das erste und letzte Gefecht der deutschen Arbeiterklasse - und das letzte Aufbäumen des Deutschen Theaters. Wir werden von Chören niedergebrüllt und von Parolen erschlagen. Eine Uraufführung, eine Tortur, so unerträglich-unerklärlich lang wie ihr Titel: "Verratenes Volk. Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk." Theater auf der Grenze zur Pathologie. Aber: Von Einar Schleef lernen, heißt durchhalten lernen.

Nicht auszudenken, wenn das Haus des Hiobs-Intendanten Thomas Langhoff diese Monster-Inszenierung nicht herausgebracht hätte! Danach sah es aus, nach Abbruch und Desaster. Es fehlte nicht viel und Einar Schleef, der rücksichtlose Überforderer, hätte das sieche Theater in den Abgrund gestürzt. Und nun? Nun hat das Hauptstadt-Theater wieder einen Abend, an dessen schroffen Zumutungen wir uns abarbeiten werden. Grauenvoller, grandioser Schleef!

Es scheint unmöglich, sich der übermächtigen Kampfmaschine zu entziehen. Dieser Künstler, der ein Theater wie ein Diktator usurpiert, denkt in anderen Dimensionen. Was sind da schon fünfeinhalb Stunden! Schleef zieht das Publikum mit sanfter Hand in seinen Malstrom hinein, um es im Fegefeuer seiner sinistren Heiterkeiten zu züchtigen. Als er vor Jahren am Berliner Ensemble Hochhuths "Wessis in Weimar" exekutierte, gab es erst einmal ein kleines Fußballmatch - und sogleich, nach nur zwanzig Minuten, die erste Pause. So auch hier. Auf grellweißer Bühne sitzt, einer antiken Statue gleich, im weißen Gewand, Inge Keller, die große alte Dame des Deutschen Theaters. Sie liest mit zauberischer Strenge aus John Miltons "Lost Paradise" die Vertreibung.

Von Adam und Eva zu Rosa und Karl - das ist kein gar so kurzer Weg. Aber da kommt leibhaftig Einar Schleef, der Satan, von dem soeben Inge Keller noch gesprochen hat in der Geschichte vom Garten Eden. Schleef hat einen Schritt wie einer, der über Leichen geht und über Brücken, die nur ihn tragen. Schleef als Nietzsche. Schleef haut uns eine Dreiviertelstunde lang Weisheiten aus "Ecce homo" um die Ohren. "Vielleicht bin ich ein Hanswurst ... . Aber meine Wahrheit ist furchtbar ... . Es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat." Er wettert gegen Christentum und Alkohol und deutsche Küche und Idealismus. Er lächelt, er verhaspelt sich. Feindschaft sei Liebe. Der Mensch sei Dynamit. Schleef tobt und wütet, und Schleef brütet. Wahnsinniger Dandy, rückwärtsgewandter Prophet. Ein komischer Meister aus Deutschland.

Von Nietzsche lernen, heißt leiden lernen. Und lästern. Noch hält die Leine, an der Einar Schleef sein "Verratenes Volk" ins Verderben führt. Sie wird reißen, irgendwann. Kein Theaterabend hält fünfeinhalb Stunden. Endlich werden jetzt die Männer rausgelassen, der Schleef'sche Sprechchor. Ostfront. Texte aus der "Armee ohne Stacheldraht" von Edwin Erich Dwinger, später aus Alfred Döblins "November 1918". Gefangenschaft in Rußland. Schleef zelebriert seine kriegerische Homoerotik. Soldaten, gefesselt, küssen einander brennende Zigaretten aus den Mündern. Sie vergewaltigen reihum einen Kameraden. Eine Szene wie aus Heiner Müllers "Schlacht". Müllers Geist schwebt über Schleefs Collage. Dass deutsche Arbeiter auf ihre russischen Genossen schießen, der Krieg der Deutschen gegen den Osten, der 1914 begann und 1989 endete - das war Müllers Thema lebenslang. Schleef zerrt die Gräuelgeschichte wieder hervor. Tatsächlich hat es am Deutschen Theater seit zehn Jahren, seit Müllers Inszenierungen von "Hamlet/Maschine" und "Mauser", keinen monumentalen Wurf mehr gegeben. Wenn der Eiserne Vorhang sich klingelnd senkt, dann begreift man: Der Erste Weltkrieg hat die Welt geteilt.

Die jungen Männer stampfen, brüllen, singen und marschieren, es ist ein Teufelskreis. Soldaten verrecken, und im Zuchthaus, auf der Badewanne, sitzt, hilflos und bleich - Rosa Luxemburg. Jutta Hoffmann ist eine große Schauspielerin, die Schleef aushalten kann, die ihm Stille entgegensetzt. Sie strahlt eine erregende Konzentration aus, in all der Not, weiß gewandet wie Inge Keller, Miltons Eva. Rosa, die kommunistische Pietà. Der weibliche Marat: Ein halbes Dutzend nackter Männer drapiert sich um Rosa in der Wanne. Ein Bild, das an Schleefs Sauna-Orgie der "Puntila"-Inszenierung am BE erinnert. Eine menschliche Skulptur von größter Zartheit und Trauer.

"Verratenes Volk", das ist eine schwarze Messe Feier des gesprochenen Wortes, der Literatur. "Was steht in Büchern?", fragt Nina Hoss, Rosas Zuchthaus-Kalfaktor. Und die Politikerin antwortet: "Wie es uns besser geht". Eine harte, zarte Beziehung zeichnet Schleef zwischen der Luxemburg und der spröden Kalfaktor, dem Mädchen aus dem Volk. Von Rosa lernen, heißt lesen lernen. Diese stillen Momente. Diese roten Aufmärsche vor weißem Bühnengrund - da erkennen wir den Maler Schleef. Den Menschenmaler. "Verratenes Volk", zerstörtes Theater. Wir wissen ja, dass er nie einen Schluss findet (darin Frank Castorf nicht unähnlich), wie auch? Er muss den Overkill inszenieren. Immer neue Angriffswellen branden aus dem Dunkel an die Rampe. Immer lautere Choräle dröhnen durch den Raum. Doch, die Zuschauer zeigen Wirkung. Türen knallen, hämische Kommentare sind zu hören, wenn Rosa sagt: "Ich halte durch". Höhnisches Klatschen setzt ein. Revolution kaputt. Rosa und Karl streiten wie ein altes, müdes Ehepaar. Jörg Gudzuhn als Liebknecht - ein Hanswurst, der in eitler Pose Zeitung liest. Und Rosa? Doch eine Heilige. Es ist das ewige Schleef-Thema. Die gequälte Mutter, Einar Menschensohn!

Längst ist die Leine gerissen, der Bogen überspannt. Das Unerträglich-Penetrante hat obsiegt. Wir sind am Ende. Da brechen Beifallsstürme los: Ab null Uhr dreißig wird zurückgeklatscht - aus dem gelichteten Parkett. Aus Notwehr und Erschöpfung. Und Schleef stellt seine Truppen zur Zugabe auf. Ein schrecklicher Erfolg.

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Berliner Zeitung, 31. 5. 2000:

Die Aufhellung des Menschen - Satanische Spartakisten: Einar Schleef und sein "Verratenes Volk" am Deutschen Theate

Von Roland Koberg

Da schlug der Blitz ein in das Deutsche Theater und brachte die Lichtanlage zum Erliegen. Der vierkantige Strahl, der vorher Einar Schleef beleuchtete, war weg, Saal- und Arbeitslicht - beides hängt am Notstromaggregat - gingen stattdessen an. Schleef in der Bühnenmitte trug unbeirrt weiter vor, schickte bloß ein schüchternes "Licht?" in den Himmel. Es war erst der zweite Abschnitt eines langen Abends, kurz nach acht Uhr. Nach bereits zwanzig Minuten hatte es eine Pause gegeben, in der man auf dem Theatervorplatz die Wolken sich zusammenbrauen sehen konnte, danach kam also Schleef im guten Anzug auf die Bühne und trug in freier Rede, das Manuskript ohne hinzusehen umblätternd, aus Friedrich Nietzsches "Ecce homo" vor. Man hörte es donnern, während es ihm "unerlässlich" war "zu sagen, wer ich bin", während Nietzsche/Schleef die "Größe meiner Aufgabe" umriss, er, der "Jünger des Dionysos" und "Satyr". Und wie also Schleef diese euphorische Abrechnung vortrug, seine rechte Hand in heftiger Bewegung, die Finger mal zur Pistole, mal zur Kralle geformt, wie er da die Christen verfluchte, Papst, Luther und Kaiser, da also griff der Himmel zu diesem kleinen Streich. Mag die Vorstellung, dass Gott etwas mitteilen will durch Blitz und Donner, aus der Mode gekommen sein (woran Nietzsche nicht unschuldig ist), so war man doch an diesem Premierenabend nicht dazu aufgelegt, an Zufälle zu glauben.

Bevor es begann, konnte man an jeder Ecke ein Gerücht hören. Es hieß, dass es bis zur Premiere keinen einzigen Durchlauf gegeben hätte. Jemand sagte, Schleef und sein ihm stets loyal ergebener Chor, seine Geisel quasi, seien noch am Diskutieren, ob sie überhaupt auftreten würden. Es schien jederzeit möglich, dass Schleef angespurtet kommt, in seine Trillerpfeife stößt und mit hoch rotem Kopf einen weiteren Erpressungsversuch unternimmt. Kurz bevor die Premiere vor drei Wochen zum ersten Mal hätte stattfinden sollen, war der Regisseur plötzlich davongeradelt. Man hatte vielleicht noch präsent Schleefs Bruch mit dem Autor Lothar Trolle, dessen Döblin-Bearbeitung er ursprünglich hätte inszenieren sollen, bevor er sich an eine eigene machte ... durch all diesen Tratsch war der Eingang ins Deutsche Theater verbarrikadiert so wie einst das Berliner Zeitungsviertel von den Spartakisten.

Dennoch wurden diese Barrieren gerade durch Schleefs überraschenden Bühnenauftritt übersprungen (das Rollenverzeichnis hatte nur so viel verraten: "Nietzsche - erkrankt"). Denn der Regisseur, Bühnenbildner und Montagist des Abends stellte sich zwar selbst ins Zentrum, wie einer theaterinternen Pointe wegen, aber das Besondere war, dass dadurch die Aufführung trotzdem nicht privat wirkte. Im Gegenteil. In Nietzsches Selbstadoration - "Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit" - stellt sich tatsächlich ein Individuum vor, das jeden kollektiven Gedanken ins Absurde treibt.

Schleef trug seine Nietzsche-Strichfassung sehr persönlich geformt vor, als schreiende Anklage, als Brief an den deutschen Kaiser (auch er laut Programmzettel erkrankt) oder an den deutschen Theaterintendanten. "Ecce homo" ist ihm Anleitung, den Nachkriegs-Sirup zu verweigern, den die Mutter ihm einlöffelt, und es ist bekannt, dass mit Schleef kein Sozialismus zu machen war. 1976 machte er sich aus der DDR davon, mitsamt dem "Stolz seiner Instinkte" (Nietzsche).

"Verratenes Volk" ist Sozialismusgeschichte aus dieser radikalen, persönlichen, vielleicht teuflischen Perspektive heraus. Der Abend, im Ganzen eigentlich erstaunlich sicher zusammengebaut, gibt sich nicht mit einem Kommentar zu Deutschland, zu deutscher Geschichte zufrieden. "Verratenes Volk" ist nichts weniger als eine Schöpfungsgeschichte: Von der Erschaffung der Welt bis nach dem Ersten Weltkrieg. Inge Keller fängt an, mit unverwechselbar strafendem Blick und tiefer, ungemütlicher Märchenstimme. Sie liest "Verlorenes Paradies" von John Milton (1663), dem Versuch, die Bibel als Versepos zu erzählen. Einar Schleef ist der Zweite, mit "Ecce homo" (1889), der Schrift, in der ein Mensch sich an Gottes Stelle setzt. Nach Schleef stürmt eine kleine Kompanie die Bühne, junge Männer in Militärmänteln. Sie sprechen Sätze aus "Die Armee hinter Stacheldraht" von Edwin Erich Dwinger (erschienen 1929), einem Tagebuch über die Kriegserlebnisse in einem russischen Gefangenenlager. Mit dem schwer verdaulichen Bild von der Vergewaltigung eines Fähnrichs durch seine Soldaten und von deren Scham danach gehen die Zuschauer in die zweite Pause. Dann erst beginnt der eigentliche Döblin-Teil.

Das Stück am Deutschen Theater heißt "Verratenes Volk", mit vollem Untertitel "Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk". Das kann insofern zu Missverständnissen führen, als bei Alfred Döblins 2 000 starker Roman-Trilogie "November 1918" der Untertitel "Verratenes Volk" auf dem zweiten Band steht, Schleef aber fast ausschließlich den letzten Band verwendet, untertitelt mit "Karl und Rosa". Dieser handelt eben von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Und endlich, es ist nach Mitternacht, schließt sich der Teufels-Kreis. An ihrem letzten Tag, dem 15. Januar 1919, stehen Karl und Rosa zusammen (Jörg Gudzuhn spielt Liebknecht, Jutta Hoffmann Luxemburg). Sie halten "Vorwärts" und "Rote Fahne" mit eigenen Artikeln in der Hand (am DT halten sie "Die Welt" und "Die Zeit" fest). Sie haben Fluchtgedanken: Nach Wilmersdorf oder Neukölln? Karl zieht (nur im Roman, nicht auf der Bühne) ein Buch hervor: Miltons "Verlorenes Paradies". Karl schwärmt vom Satan, wie Milton ihn gezeichnet hat: "Wir können von ihm lernen, wie man sich in Niederlagen verhalten muss." Karl und Rosa scherzen, ob sie sich nun nicht besser Satanisten als Spartakisten nennen sollten. Adam und Eva sind müde. Sie singen "Ein feste Burg ist unser Gott" von Luther, den Nietzsche als Helfershelfer der Katholiken schmäht, und irgendwie stürzen die ganzen fünfeinhalb Stunden Theater ganz wunderbar über einen herein. Die auf dem Programmzettel so genannte "Masse" - mit den Schauspielern sind 60 Leute auf der Bühne - stimmt laut ein "Dies irae, dies ille" an, man könnte vom Glauben abfallen, hätte man einen.

Wie macht das der Satan? Liebknecht, der sich an seinem letzten Tag selber in der Pose des Satans gefällt, sagt, es sei das "Werk der Aufhellung des Menschen", das die Menschen dem Satan ähnlich macht. Ein wuchtiger Gedanke, und wenn man's recht bedenkt, hat man in "Verratenes Volk" genau das gesehen: eine Aufhellung. Der Abend beginnt ganz in Weiß, Inge Keller sitzt im weißen Kleid vor nichts als einem weißen Boden, einer weißen Decke, einem weißen Rundhorizont, Weißraum pur, aber nach der Vertreibung aus dem Paradies wird es finster.

Auf Schleef, auf die Kompanie, später dann auf Rosa Luxemburg auf der Badewannenkante (der Döblin-Teil beginnt mit einer langen Rückblende auf ihre Zeit im Gefängnis), fällt nur der erwähnte Strahl. Indem Licht nur von oben herein durch einen Schacht fällt, verwandelt sich der Bühnenraum in einen Kerker. Dann, als zwei Gegenspielerinnen der Luxemburg wichtig werden, Nina Hoss als Tanja, die Kalfaktor und Margit Bendokat als Marja Spiridonowna, ist die einzige Lichtquelle eine Tragelampe. In dieser Phase des Stücks nimmt man allerdings auch sehr stark, ja dankbar die Notlichter wahr, ebenso den Strahl der Lüster aus den Foyers, wann immer ein Zuschauer flüchtet.

Nach vier Stunden zum ersten Mal Farbe: Rot! Die kalte Nina Hoss hat einen Mann wie einen Schatten an sich gedrückt, die Drehscheibe beginnt sich zu bewegen, plötzlich, nach dieser Vereinigung, ist blitzartig alles aufgehellt. Männer in roten Gewändern mit roten Fahnen, mehr Spartaner als Spartakisten, tanzen oder marschieren auf. Luxemburg, von Jutta Hoffmann mit einem Hang ins Zickige auffallend psychologisch durchgearbeitet, war in ihrer Zelle schon Projektionsfigur für Gretchenträume. Von der Decke fällt - diesmal ohne Hilfe von oben - eine rote Fahne wie ein Blitz. Die riesige Stange mit plastisch gearbeitetem Segel spießt sich in den Boden, Rosa hält sich an ihr fest. Sie wird, mit viel zu großem Schwert, zur Jeanne d'Arc umgerüstet.

Schleef zitiert viel. Das sozialistische Liedgut und Sprücherepertoire kriegt bei ihm eine letzte Chance: eine ästhetische. Die mitwirkenden Studenten der Berliner Hochschule der Künste und der Chor saugen aus den Parolen so viel Kraft als möglich, manches sprechen, singen sie erst zur Parole um. Sie verteidigen nicht und denunzieren nicht. Ob das von ihnen repräsentierte Volk ein "verratenes" ist - Schleef lässt das offen. Er wirbt nicht sichtbar für irgendeine vergebene Chance, man merkt keine aufmarschmäßige Trauer. Wenn überhaupt, dann hält es Schleef mit Döblins Spott gegen alle, auch gegen sich selbst.

Um 0.30 Uhr, wenn alle Mitwirkenden glückstrahlend, gleichsam aufgehellt in höfischen Bewegungen auf der Bühne tanzen, ist der satanische Streich vollendet. Wie Döblin seinen Liebknecht über Milton sagen lässt: "Es ist nicht mehr Paradies, aber es ist auch nicht Hölle. Es ist menschliches Dasein." Dann fällt Liebknecht hin und alle stellen sich an die Wand.

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Frankfurter Rundschau, 31. 5. 2000:

Ich bin auch Dynamit - Bewundernswertes Scheitern: Einar Schleefs "Verratenes Volk" am Deutschen Theater

Von Peter Iden

Er hat wieder gewütet. Welch ein Abend, dieser mit Einar Schleef am Deutschen Theater in Berlin. Momente, Bilder von einer unerhörten Theatralik, sich steigernd in ein kaum mehr überbietbares, obsessives Pathos. Zugleich eine namenlose Strapaze. Unnachgiebig fordernd ist Schleef wie kein anderer, von äußerstem Anspruch: an sich selbst, an die von ihm auf der Bühne zu enormen Monologen veranlassten oder massenhaft zu Chören zusammengezwungenen Schauspieler und Statisten, ebenso an die Zuschauer.

Pardon wird nicht gewährt. Wir waren schon weit in der sechsten Stunde der jedes Maß sprengenden Unternehmung, längst tiefe Nacht in Berlin, hatten soviel gesprochene und gesungene Tiraden auf uns niederdröhnen lassen, dass mancher jetzt wohl genug hat davon gleich für ein ganzes Leben - da ließ Schleef, im Parkett helle Verzweiflung, noch einen langen Disput folgen zwischen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht über den wahren Sozialismus. Und noch immer weiter ging es, in eine getanzte Massenszene, dann in einen weiteren Choral. Selbst als wirklich alles aus schien, obwohl es kein Ende gibt, wenn Schleef einmal angefangen hat, respektvoller Beifall für die Beteiligten aufkam, gebot der ungeheuerliche Mensch seinen Scharen aufs Neue sich aufzustellen für noch einen schweren Gesang. Dann taumelten, wankten die Leute aus dem Haus, benommen alle, einige, um sich Luft zu schaffen, desperat witzelnd, fort von einem Ort imponierender theatralischer Exzesse und lähmender Schrecken.

Wochen und Wochen und Wochen hat Schleef geprobt. Und wurde einfach nicht fertig. Schon Anfang Mai sollte Premiere sein, sie wurde verschoben, aber auch vor der nun ersten Aufführung wusste niemand im Haus, wie lange sie dauern und welches Ende sie haben würde. Personell und finanziell kracht das Deutsche Theater aus allen Fugen, nicht ausgeschlossen, dass die noch ein Jahr währende Intendanz des geradezu todesmutigen Thomas Langhoff die Sache nicht übersteht.

Was aber hat Schleef gewollt mit dieser Unternehmung, der er den Titel Verratenes Volk gegeben hat? Ein Doppel-Ziel lässt sich erkennen. Zur Darstellung kommen soll das Scheitern der deutschen Revolution von 1918. Das Material ist Alfred Döblins vierbändigem Romanwerk November 1918 entnommen. Der Spartakus-Aufstand damals war auch eine Folge des Ersten Weltkriegs: Um das hervortreten zu lassen, werden chorisch Motive aus Erich Dwingers Armee hinter Stacheldraht referiert, Schilderungen der Gräuel des Krieges und der Leiden Verwundeter in einem russischen Lazarett. Die Notwendigkeit der Revolution wird daraus abgeleitet.

Das Kapitel deutscher Geschichte zu explizieren, ist die eine Absicht Schleefs. In diesen Kontext gehört die halbstündige Lesung aus John Miltons Das verlorene Paradies, mit welcher der Abend beginnt, eine Beschreibung der Vertreibung Adam und Evas aus dem Garten Eden: gleichsam der Anfang vom Ende aller Hoffnungen auf einen glücklichen Zustand aller folgenden menschlichen Gesellschaften.

Inge Keller, ganz in weiß allein auf der Bühne, die ein heller, tiefer, halbrunder Raum ist, eine Art Pantheon, thront vorne auf einem Sessel und liest mit hoher Konzentration vor, eindrucksvoll. Nach einer kurzen ersten Pause übernimmt dann Schleef selber die Erfüllung der zweiten Absicht, die er mit dem Abend verfolgt. Sie gilt der Rechtfertigung von ihm selbst und seinem Anspruch an das Theater als einen Schauplatz übermenschlicher Wahrheit, für den kein anderes Reglement akzeptiert werden kann als das entschiedenster geistiger und künstlerischer Radikalität. So tritt nun Schleef allein vor in den weißen Raum und rezitiert, stehend, mit der Rechten den Rhythmus seines Redens unterstreichend, fast eine Stunde lang, aus Nietzsches Ecce Homo. Und zwar so, als wäre das ein Text von ihm, nur gelegentlich sich unterbrechend und in den Seiten eines mitgebrachten Manuskripts blätternd. Man versteht sofort, dass Nietzsches Forderungen an das Ideal des "wahren Menschen" wie die Selbstbeschreibungen des Philosophen - "Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit" - von Schleef als seine eigenen angenommen werden: Nietzsche - das bin heute ich.

Es ist nicht zu hochgegriffen, dieses Solo Schleefs als Nietzsche einen Auftritt zu nennen, wie es ihn auf einer Theaterbühne wahrscheinlich noch nie gegeben hat. Eine disziplinierte Raserei, ein Bekenntnis als ein einziger Ausbruch, der gleichwohl in sich exakt strukturiert und moduliert ist, ein Irrwitz sondersgleichen, erschreckend und hinreißend ineins, betäubend und als rhetorisches Meisterstück höchster Bewunderung wert.

Diese Stunde macht dem Schleef nun wirklich keiner nach. In dem fast durchweg kleinkarierten deutschen Gegenwartstheater mit seinen dürftigen Realismus-Fummeleien steht hier einer auf und behauptet ein anderes Format. Als Schleef in den achtziger Jahre am Theater Günther Rühles in Frankfurt mit seinen Tollkühnheiten anfing, konnten einige der deutschen Bühnen noch gegenhalten - inzwischen ist das Theater so weit heruntergekommen, dass Schleef mit seinem Anspruch jetzt wie ein Riese erscheint und sein Wollen nun anders zu bewerten ist als damals: eine nachgerade monumentale Erinnerung daran, sich mit der Preisgabe von Herausforderungen allenthalben, den Verlusten an Vitalität, Mut, gedanklicher Ambition und Emotionalität, nicht einfach abzufinden.

Zuerst also Inge Keller, dann Schleef - und dann viele. Die Bühne füllt sich nämlich nun mit jungen Männern in Uniformen, die von dem russischen Lazarett Dwingers berichten. Die Form ist die der chorisch vorgetragenen Erzählung. Lautes, heftig rhythmisiertes Sprechen, unterbrochenen von gesungenen Partien. Das Mittel der Repetition, immer schon ein Merkmal Schleefs, wird eingesetzt bis die Leute im Parkett zu ächzen beginnen. Das im Drill der Chöre und der Penetranz der Wiederholungen enthaltene Autoritäre bleibt eine unselige Schwäche Schleefs.

Nach abermals einer Pause kommt die Aufführung dann auf die November-Aufstände 1918. Auf der Bühne anfangs nur Jutta Hoffmann als Rosa Luxemburg, in Schutzhaft in einem Gefängnis. In ausgedehnten Monologen, in denen die Schauspielerin wunderbar bei sich bleibt, wie zu sich selbst spricht, reflektiert die Luxemburg ihr Schicksal, der Tod ist ihr schon nahe, im Januar 1919 wird sie von einer Garde-Kavellerie-Schützen-Division erschlagen, die Leiche wie die des nahebei erschossenen Karl Liebknecht in den Landwehrkanal geworfen werden. Diese Todesnähe, die sich an der Frau ausprägt als eine milde Introvertiertheit, bewahrt Jutta Hoffmann bis in das letzte Gespräch mit Liebknecht, den Jörg Gudzuhn vielleicht ein wenig zu sehr ins Bürgerliche geraten lässt. Zuvor aber immer wieder die Auftritte der Massen. In der Gefängnisszene durchkreuzt und überlagert Schleef, gedanklich nicht unbedingt schlüssig, den Text der Revolutionärin mit den von einer Frauengruppe (die Frauen formieren sich wie zu einer Plastik um die ein Wannenbad nehmende Luxemburg) vielstimmig vorgebrachten, letzten Sätzen Gretchens aus Goethes Faust. Ähnlich durchdringen einander später die Chöre der rebellierenden Metallarbeiter und Matrosen. Die Aufführung überlässt sich mit großem Pathos dem Elan der Revolution. Wenn diese dann scheitert, niedergeschlagen ist, steht Jutta Hoffmanns Luxemburg alleine in der Mitte der Bühne, unter einer mächtigen Fahne, eine deutsche Jeanne d'Arc. Aber noch einmal füllt sich der Raum, nackte junge Männer mit leuchtend roten Bannern bilden einen weiten Kreis: Es ist, wenn es das gibt, ein helles Trauerbild. Nun wird auch die "Internationale" gesungen.

Im allerletzten Bild scheint auf einmal die Trauer verflogen, beschwingte Massen, Schleef selber, animierend, dirigierend unter ihnen, vollführen Tanzbewegungen. Was heißt das? Verratenes Volk - hat es heute, in der Spaß-Gesellschaft, alles vergessen? Es gibt allerdings Anlass auch noch zu anderen Fragen. Schleef lässt die Phasen und Daten der Entwicklung jener deutschen Revolution über lange Strecken nur referieren, das wirkt, trotz momentan einnehmender Bilder, oft wie Schulfunk. Geschichte wird hier akustisch zitiert und mitunter auch bebildert - aber nicht szenisch interpretiert. Er liefert keine eigene Lesart des Stoffs, auch deswegen wirkt der Abend oft so ermüdend. So erhärtet sich der Verdacht, dass es ihm in erster Linie doch um sich selbst, seinen Theater-und Pathosbegriff geht.

"Ich errege durch mein Dasein alles, was in Deutschland böses Blut im Leibe hat", sagt Nietzsche-Schleef. Das wird er in jedem Fall wieder geschafft haben.

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Süddeutsche Zeitung, 31. 5. 2000:

Die lange Nacht der Dinosaurier - Scheitern am eigenen Mythos: Einar Schleefs Uraufführung „Verratenes Volk“ im Berliner Deutschen Theater

Von Helmut Schödel

Durch eine kleine Tür betritt ein Mann einen mausoleumsartigen Kuppelbau, der das Bühnenbild ist, kommt von weit hinten geraden Wegs auf uns zu, stellt sich auf einen viereckigen Flecken Licht wie auf ein Podest und prostet mit einem Glas Wasser ins Publikum. Bald wird es Nacht im Mausoleum. Die schwarze Nacht passt gut zum schwarzen Anzug des Mannes, dessen Haar im Spotlicht weiß leuchtet. In dieser schwarzweißen Welt, wie von Bob Wilson inszeniert, erkennt man im Mann mit dem Anzug und einem Stoß weißer Zettel in der Hand den Regisseur Einar Schleef.

Er hält eine Rede, die vielleicht eine Dreiviertelstunde dauert. „Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheueres anknüpfen... Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“ Grandios rezitiert Schleef Texte von Friedrich Nietzsche, fanatisch, satanisch und mit der sanften Stimme eines Predigers.

Manchmal verliert er auch den Faden und kramt sich durch seine Zettel. Während des Vortrags kommt es zu Lichtwechseln, von denen niemand sagen kann, ob sie genial erfunden oder Pannen sind. Nicht zu erschüttern von Welt und Theater aber feiert Einar Schleef seinen Auftritt. Einzigartig an dieser Nietzsche-Rede ist nicht nur Schleefs rhetorisches Vermögen. Er scheint mit der monumentalen Hybris dieser Texte nicht nur den Philosophen zu zitieren, sondern bisweilen auch sich selbst zu meinen. Dieser Auftritt ist schon jetzt ein Sonderfall der Theatergeschichte.

Einar Schleefs Rede gehörte zu seinem neuen Theaterprojekt „Verratenes Volk“ im Berliner Deutschen Theater, Untertitel: „Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk.“ Ein Abend nach Texten von John Milton („Das verlorene Paradies“), Friedrich Nietzsche („Ecce Homo“), Edwin Erich Dwinger („Armee hinter Stacheldraht“) und Alfred Döblin („November 1918“). Fünfeinhalb Stunden dauert der Abend, zwei Pausen inklusive, und der Rest ist nicht halb so grandios wie Schleefs eigener Auftritt.

Schwer zu sagen, was Thomas Langhoff, den Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, veranlasst hat, sich einen Berserker wie Einar Schleef an sein Haus zu holen. Vielleicht war es einfach die Einsicht in die Notwendigkeit, dass sein Theater ein Zugpferd brauchte. Das DT war, von Krisen geschüttelt, mit einem braven Repertoire und verlässlichen Fehlentscheidungen der Direktion in ein schwarzes Loch gefallen und im Rummel um das Hauptstadttheater der Verlierer.

Es war klar, dass uns bei Schleef kein niedlicher Tanzabend erwartete und keine Tragödie um persönliche Befindlichkeiten. Abermals würden Chöre aufmarschieren, ein Stück Volk, und die Solisten in die Enge treiben. 60 Namen nannte der Besetzungszettel, und schon das hätte genügt zur Reflexzonenmassage am ermüdeten öffentlichen Interesse an Langhoffs Theater. Aber das DT wurde überreichlich bedient. Eigentlich sollte der Dramatiker Lothar Trolle den Text für den Abend liefern. Aber dann kam es zum Streit. Außerdem musste die Premiere verschoben werden, weil Einar Schleef erkrankte. Es kursierten Gerüchte über einen Streit um die Länge der Aufführung, die sieben Stunden unterschreiten sollte. Das Textkonvolut der Aufführung durfte niemand vor der Premiere lesen, und auf eine Fotoprobe wartete man lange vergebens. Der Dinomythos erfüllte sich. Ein züngelndes Reptil schien abermals ein etabliertes Theater in nervöse Zuckungen zu versetzen, was bei Lähmungen allerdings als gute Prognose gilt.

Am Anfang des Abends sitzt eine weiß gekleidete Frau (Inge Keller) an der Rampe und liest Texte aus „Paradise Lost“ von John Milton vor, einem Autor des 17. Jahrhunderts, der sich an Vergils „Aeneis“ orientierte. „Indessen nähert sich Satan dem Landstrich Eden, wo das lustvolle Paradies nunmehr vor seinen Augen lag.“ Schleef beginnt mit Sünde eins, bei Adam und Eva, und Inge Keller sieht aus wie eine Großmutter bei Euripides. Sie zitiert das Versepos 20 Minuten lang mit nichts als kaltem Intellekt, bis zu einer frühen ersten Pause. Dieses Vorspiel im Himmel war gründlich missglückt.

Dann trat der Satan in Einar Schleefs Gestalt auf und zitierte Nietzsche, gefolgt von einer halben Stunde ekstatischen Rezitationstheaters. Eine elf Mann starke Truppe in lausigen Militärmänteln fixierte den Bühnenhimmel und skandierte Dwinger in stampfenden Chorrhythmen. „Die Wüste vor mir ist lichtkalt wie eine Mondlandschaft.“ Edwin Erich Dwinger erinnert sich an eine Kriegsgefangenschaft, ein Text über die sibirische Kälte des Krieges. Da hatte Schleef seine Hauptdarsteller also zusammen: Satan, Nietzsche, Vater Krieg. Nach einer zweiten Pause saß dann, wie vorher Inge Keller, Jutta Hoffmann als Rosa Luxemburg an der Rampe. Nach einem zweistündigen Vorspiel begann ein dreieinhalb Stunden durchhängender Theaterabend, obwohl mit Jutta Hoffmann die Schauspielkunst ins DT zurückgekehrt war. Die Zeit um 1918 war ausgebrochen: Kriegsende, Hungerjahre, Untergang der Monarchie, Novemberrevolution, Scheidemann, Ebert, Liebknecht. Und Rosa natürlich.

Einar Schleefs Rosa Luxemburg labert sich durch endlose Tiraden, man kann es kaum anders sagen, und sitzt auf dem Rand einer Marat-Wanne, in der sich nackte Männer platzierten, die, auch gern mit sexuellen Verrichtungen, zu den Hauptdarstellern dieses Abends gehören. Obwohl Schleef nicht eine einzige Figur erfand, gelang es Jutta Hoffmann trotzdem, eine Intellektuelle im Gefängnis zu spielen, das Elend einer Solistin, während hinter den Wänden des Mausoleums der Chor auf seinen nächsten Auftritt lauerte, und sie frontal zum Publikum sprach.

Auf der Bühne ein Chor schwarz gekleideter Menschen, deren Schatten die Nacht in das Theater bringen. Hinter der Wand hält, unsichtbar, Margit Bendokat, eine Schauspielerin, die man eigentlich unbedingt sehen will, einen endlosen Monolog, grundiert von Chorgesang. „Ich hatt’ einen Kameraden.“ Die Szene ist fast überwältigend provinziell, und zeigt Einar Schleef im Krieg mit seiner Regie-Methode, in der selbst eine Schauspielerin wie Nina Hoss nur noch wie ein weiblicher Theater-Exekutor wirkt. Früher bestanden Schleefs Chöre aus Schauspielern und persönlichen Entdeckungen. Inzwischen sind sie Profis (der Konzertchor der Staatsoper). Da war einmal ein Zugriff! Jetzt stehen wir vor den Resten einer Show. Wenn einen mal ein Handscheinwerfer blendete an diesem Abend, wenn man nichts mehr sehen konnte – das waren die Highlights.
Ständig ist die Drehbühne in Fahrt: das Mutter-Courage-Syndrom des alten DDR-Theaters. Die Drehbühne transportiert nackte Männer mit roten Fahnen. Wenn die Fahnenstangen auf den Boden knallen, glaubt man Schüsse zu hören. Väterchen Krieg spielt Revolution.

Verraten wurde an diesem Abend nicht das Volk, sondern das Theater. Der Chor sang „Dies irae“ und weitere Schleef-Specials, aber nichts konnte die rissige Fassade dieser Inszenierung kitten. Es war schon nach Mitternacht, da diskutierten Rosa und Herr Karl noch immer über Deutschland und lasen Die Welt und Die Zeit, sinnlose Witz-Requisiten, die in einer Schleef-Inszenierung über die Novemberrevolte nichts zu suchen haben. Selbst die nebensächlichsten Details verwiesen auf die Krise eines Regisseurs, der es sich eigentlich nicht leisten kann, einen Abend wie diesen zu veröffentlichen. Einfach weil er zu den Großen des Theaters gehört.

0 Uhr 30, Schlussapplaus, die Vampire kreisten schon über Berlin-Mitte. 60 Akteure stellen sich dem Publikum, nur Einar Schleef nicht. Der Berserker als Feigling. Das war dann doch zu viel. Ein Regisseur, gebürtig aus Sangerhausen, freier Blick auf den Kyffhäuser, versteckt seine eigene hinter der deutschen Misere.

Was Thomas Langhoff, der Theaterdirektor, von diesem Abend hat, ist schwer zu sagen. Sein Publikum wird dieser Inszenierung bestimmt nicht nachlaufen. Schlagzeilen allerdings hat das Deutsche Theater in Berlin bekommen, bedauern muss man den Direktor nicht. Aber es ist wirklich schade um Schleef. Er kämpft mit dem antiken gegen das bürgerliche Theater. Ist überhaupt kein Dino und schon gar kein Stadttheater-Terrorist. Ein ehrenwerter Mann, der die nächste Kurve kriegen muss, auf seinem Weg der Eigenwilligkeiten.

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Die Welt, 31. 5. 2000:

Das stumpfe Schwert der Weltrevolution - Einar Schleefs Geschichtspanorama "Verratenes Volk" am Deutschen Theater Berlin

Von Reinhard Wengierek

Sanft streichelt uns das milchweiße Licht der weiten leeren Bühne. Kein Zweifel, es ist das Paradies, das derart überirdisch leuchtet. Für einen Moment betörender Theatralik ohne Worte wird das weite, leere Halbrund der Bühne zusammen mit seinem Gegenstück, dem Saal des Deutschen Theaters mit seiner feinen, altgolden-samtroten Pracht, zum Paradies. Zum zauberischen Ort jenseits der Niedrigkeiten unseres Daseins, der vergessen lässt, welch Schmach das schier kopflose, von Kleingeist, Untalent, Angst und Zwistigkeiten regierte Haus seit langem auszuhalten hat.

Der ergötzlichen Stille des ersten Augenblicks folgt die Ouvertüre zu Einar Schleefs Textcollage zum Thema "Einrichtung des irdischen Paradieses durch Revolution"; Titel: "Verratenes Volk". Inge Keller gibt dies Vorspiel mit ihrer brüchig vibrierenden Stimme als gläsern, wächsern wirkender Ur-Engel ganz in Weiß. In göttlicher Gelassenheit erzählt sie mit den wohlgesetzten Worten des Renaissancedichters John Milton von jener himmlischen Landschaft, in der Adam und Eva zu Hause sind. Bis der Satan zum Biss in den Apfel verführte, der Erzengel sie aus Eden vertrieb. "Von da an kam eine große Angst über sie."

Ähnliche Gefühle plagen das Deutsche Theater nicht erst seit dem Engagement von Einar Schleef. Seit Jahren wuchert im Hause ein Krebsgeschwür aus Hochmut und Angst, das die Kreativität verschlingt. Schleef ward erkoren, es endlich und Hau-ruck zu therapieren. Ein unsinniger Wunsch. Ist doch Schleef ein Regisseur, der kein vorhandenes Ensemble zum Blühen bringt, sondern mit einer "eigenen" Truppe einfällt und das Theater okkupiert. Hinzu kommt seine manische, keinem äußeren Plan folgende und militärischem Drill gleichende Probenarbeit. Und natürlich seine Egomanie, seine Brutalität im menschlichen Umgang, sein maßloser Anspruch, das gesamte Theater - ja überhaupt der ganze Erdkreis - habe rücksichtslos seinem Genie zu dienen. Somit gehören gigantische Kräche zu den ungeschriebenen Usancen Schleefscher Arbeit. Ein Theater, das sich dem ausliefert, wird an die Grenzen seiner - auch finanziellen - Belastbarkeit stoßen, aufgeben oder diesen Crash überleben. Und dann, so spekuliert man, ruhmreich dastehen.

Zuweilen ging diese Rechnung glücklich auf (etwa am Berliner Ensemble mit "Wessis in Weimar" oder "Herr Puntila und sein Knecht Matti" oder am Wiener Burgtheater mit "Sportstück"). Zuweilen aber blieb man auf einem spröden Achtungserfolg und viel zerbrochenem Porzellan sitzen. Ähnlich ist es jetzt zugegangen. Allein schon die von der Öffentlichkeit teils mit Entsetzen, teils mit Häme verfolgten Skandale während der immens ausufernden Probenzeit, die zahlreichen erpresserischen Drohgebärden des Regisseurs, hinzuschmeißen - noch am Nachmittag der Premiere war man unsicher, ob denn Stunden später der Vorhang hochginge und hat vorsichtshalber Kleingeld für die Kartenrückgabe bereitgehalten -, dieses ganze grausame, der Kunst so entgegenstehende eitle Theater ums Theater führte zu einem Erwartungsdruck, dem zu entsprechen ein Titanenwerk erfordert. Titanisch geriet allein die zeitliche Dimension des Schleefschen Opus': fünfeinhalb Stunden. Und womöglich noch, wir sind großzügig, die vom Autor-Regisseur veranstaltete zweite Ouvertüre: ein grandioser, zwischen Ironie und Pathos, Todernst und Komik, verführerischem Charme und tiefstem Leiden an der Welt genialisch wechselnder Vortrag des Meisters. Aus Friedrich Nietzsches "Ecce homo", ein bisschen schleefisch zurechtgeschliffen.

"Im Grunde hätte man es wissen müssen - dieses Missverhältnis zwischen der Größe meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen", zitiert er. Mit unnachahmlich keckem Augenaufschlag und treudeutschem Blick ins Publikum.

Dass ausgerechnet beim Stichwort "Gott" - dieser nach Nietzsche "Zumutung für Denker" - die Lichtanlage knallte, hat er mit dem just kritisch Angerufenen auszumachen. Ein Blitz schlug so pointensicher wie vieldeutig ins nahegelegene Umspannwerk. Den beiden gleißenden solistischen Vorspielen folgte endlich der Auftritt der wilden, leidenden, grauen Masse: Eine Kompanie Jungmannen im Militärmantel über der freien Brust (und weißen Höschen) erzählte im so raffiniert wie perfekt komponierten Sprechgesang von ihrer Gefangennahme im Ersten Weltkrieg. Der Text stammt aus Edwin Erich Dwingers Tagebuch "Die Armee hinter Stacheldraht". - Ein die Geschichte von den beiden alten Apfelbeißern sowie die Notizen des schnauzbärtigen Hochgebirgswanderers kontrapunktierender Horrorbericht aus Blut, Gewalt und Sterben. Er endet mit einem kaum auszuhaltenden Massenexzess: Der Vergewaltigung eines Soldaten durch seine Kameraden.

Pause. Bestürzt, geschockt aber auch erhellt könnte man nun, nach gut zwei Stunden, Schleef verlassen. Wieder einmal wurde aufs Grausamste und Schönste die alte Weisheit bestätigt, dass geistiges und reales Leben zweierlei sind. Und wir verraten wären, würden wir uns allein an Philosophen halten. Das Schlimme ist doch allemal ein guter Rausschmeißer! Erst recht, wenn wir zuvor ergötzt wurden durch zwei Nummern hochgestochenen Lesetheaters erstklassiger Texte, die zu allem prima passen, was Kunst und Leben bieten.

Freilich, das mit einer nicht enden wollenden Folge von Szenen aus dem Döblin-Stück "November 1918" illustrierte Dilemma vom verratenen Volk hätten wir verpasst. Wäre aber nicht schlimm. Wissen wir doch gerade hier, in postsozialistischen Landen, dass die guten Menschen als Weltverbesserer (z.B. Rosa Luxemburg) das Volk gleich unglücklich machen wie die bösen, zynischen (z.B. Lenin). Solch ein Revolutionsbilderbuch 1990 aufgeblättert in diesem Theater, hätte jene Hochburg für halbblinde Idealisten womöglich heilsam erschüttert. Schleef als Exorzist. So aber ermüdet er als zunehmend erschlaffender Oberlehrer und Bilderfinder mit Abgedroschenem. Ein Glück, dass der Konzertchor der Staatsoper immer wieder muntermachend dazwischenfährt. Was bleibt, ist Jutta Hoffmann als qualvoll innerlich verblutende Rosa, die, verkleidet als Jeanne d'Arc, hoffnungslos ihr schweres Schwert der Weltrevolution über die Bühne schleift. Ein überwältigender Abgang. Trostlos, aber wahrhaftig. Eins der wenigen wirklich starken Bilder der Tragik. Allein damit aber ist das Deutsche Theater nicht zu heilen.

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Neue Zürcher Zeitung, 31. 5. 2000:

Der heilige Hanswurst - Einar Schleefs «Verratenes Volk» in Berlin

Von Barbara Villiger Heilig

Vom Fussvolk der Soldaten, Arbeiter, Matrosen und Spartakisten hat's bloss einen erwischt: Im Personenverzeichnis wird er als «erkrankt» aufgeführt, weshalb die Gruppe auf der Bühne aus elf statt zwölf Schauspielern besteht. Doch auch unter den VIPs grassierte das Virus, welches das Deutsche Theater in Berlin am Anfang des Monats beziehungsweise zwei Tage vor der geplanten und viel umraunten Uraufführung lahmlegte. Jetzt fand sie, o Wunder, etwas verspätet doch statt, freilich ohne den anscheinend immer noch darniederliegenden Kaiser Wilhelm II. Krank ist auch Nietzsche. Statt ihn zu streichen, ruft Einar Schleef: «Ecce Homo!», und rezitiert höchstpersönlich eine Stunde lang in meist brüllendem Tonfall aus dem Werk des Philosophen. In der linken Hand hält er den Text, den er konsultiert, wenn er nicht mehr weiter weiss, die Rechte gestikuliert unablässig oder ballt sich, um die forte-fortissimo-Passagen zu unterstreichen, zur gereckten Faust.

«Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht gepredigt», posaunt Schleef-Nietzsche, während er sich als fanatischer Prediger aufführt. Es geht unter anderem um Gott, die Welt, Buddha, den Krieg, das Gewissen, Richard Wagner, Europa, den deutschen Idealismus, die deutsche Küche, den Gelehrten und seine Bücher («wälzt er nicht, so denkt er nicht»), den russischen Fatalismus, der mit «Wille zum Winterschlaf» umschrieben und als «eine Art Krankheit» bezeichnet wird. Jedoch, donnert der selbsternannte frohe Botschafter, der eine «erschreckliche» Angst davor hegt, man könnte ihn eines Tages heilig sprechen - «Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst» -: «Ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft geworden.» Den Widerspruch zur Pressemeldung, gemäss welcher die Premiere wegen des kranken Gesamtkunstwerkers (er liefert die Textauswahl, wirkt als Ausstatter, Regisseur sowie Schauspieler und gestaltet selbstredend auch die Graphik des Programms) erst einmal verschoben worden war, löst man am einfachsten mit der Formel: Kranksein ist relativ.

Dem Solo des Regisseurs ging ein viertelstündiger Vorspann voraus. Inge Keller, weiss gewandet und in einen weissen Fauteuil placiert, las auf der weissen, gleissend hell ausgeleuchteten Bühne aus Miltons «Lost Paradise». Die erste Pause folgte nach diesem Märchen-Prolog, die zweite nach dem philologischen Exkurs, bei welchem das Publikum mitzuwirken begann im Sinn des beliebten Kantinenwitzes: Alles schleeft, einar wacht. Einzelne Zuschauer nahmen sich sofort die Invektiven zu Herzen, mit denen die nietzscheanische Schelte das Sitzfleisch bedachte, und verliessen den Saal; jemand gab sich sogar Mühe, die Türe zuzuknallen. Das geschah bei der ersten eigentlich theatralischen Szene, als zehn Männer der Reihe nach einen elften sodomisierten.

Dabei gehört jene Szene zu den stärksten Momenten dieser Schleefiade (die gut fünfeinhalb Stunden dauert und sehr, sehr spät irgendwann nach Mitternacht mit viel Chorgesang ausklingt). Soldaten in Militärmänteln stehen barfuss nebeneinander und berichten einigermassen tonlos Ekelerregendes aus einem Lazarett an der Ostfront um 1915. Der Text stammt von Edwin Erich Dwinger, der im Ersten Weltkrieg selbst in russische Gefangenschaft geriet (sich im Zweiten dafür als SS-Obersturmführer profilierte); ein Bild setzt die beschriebenen Verstümmelungen um: zwei brennende Zigaretten werden ohne Einsatz der Hände weitergereicht - von Mund zu Mund. Beatmung der Sterbenden, Kuss der Verdammten? Eros und Thanatos, Schleefs Lieblingsthema.

Den mit Abstand längsten Teil der Veranstaltung bestreitet Jutta Hoffmann alias Rosa Luxemburg, meist allein, manchmal im Dialog mit Nina Hoss, der Gefängniswärterin (und ihren Doubles: zu fünft sitzen sie auf dem Rand der Badewanne, dem einzigen Möbelstück weit und breit). Unterdessen sind wir in Alfred Döblins 2000-seitigem Romanzyklus «November 1918» angelangt, zwar noch nicht bei der deutschen, aber immerhin bei der russischen Revolution, über die sich Rosa im Plauderton auslässt. «Verratenes Volk», der Titel des «Stücks», passt zu beiden. («Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk» lautet der Untertitel in Schleef'scher Redundanz; Hans Haackes Vorschlag - Bevölkerung anstelle von Volk - blieb ebenso unberücksichtigt wie der Einwand des französischen Innenministers, der dem Volk die Nation vorzieht. Was genau Schleef mit dem heiklen Begriff meint, erschliesst sich übrigens nur vage: insofern, als dem durchwegs pathetischen Ausdruck seiner Inszenierung auf die Dauer ein ironischer Eindruck korrespondiert.)

Döblins Rosa räumt das Feld. Eine weibliche, ununterbrochen redende Schattensilhouette lehnt an der Rückwand neben der kleinen Tür, durch die die Masse stürmt: Männer besetzen die Vorderbühne und skandieren Revolutionäres («Mann der Arbeit, aufgewacht, und erkenne deine Macht»); zwischendurch stimmen sie Lieder an («Ich hatt' einen Kameraden»). Es herrscht Beinahe-Dunkelheit; ab und zu zündet eine Laterne scheinwerfergleich ins Publikum (man sieht: die Ränge haben sich gelichtet). Urplötzlich, keiner rechnete mehr damit, erstrahlt die Bühne (Augenreiben und Blinzeln im Saal); ausserdem bringt ihr Drehmechanismus Bewegung in die Statik, und erstmals kommt Farbe ins bisherige Schwarzweiss: Jünglinge in roten Turnanzügen schwingen rote Fahnen. Auch Rosa zieht einen Gymnastikdress an, darüber eine Rüstung. Sie packt ein Schwert und klammert sich fest an der Riesenfahne im Zentrum: Sowjet-Romantik mit Jeanne-d'Arc-Flair unter blauem Wetterleuchten. Und so weiter, und so fort. Die Bannerträger fallen zu Boden, was ein Geräusch wie Gewehrsalven erzeugt; den nächsten Auftritt hat die Männerriege nackt, den übernächsten in Matrosenuniform (mittlerweile befinden wir uns in Kiel). Überraschend öffnet sich weit oben ein Fenster, Scheidemann (Horst Lebinsky, der sich vorher als Doktor um die hysterische Rosa kümmerte) verkündet, die Herrschaft des Kapitalismus sei gebrochen. Da aber die Revolution bekanntlich scheitert, unterhalten sich Luxemburg und Liebknecht (Jörg Gudzuhn) über ihre Zukunft, fuchteln mit dem «Vorwärts» herum, gifteln sich an wie ein altes Ehepaar und spalten hartnäckig sonstige Haare.

Ein Manifest. Gegen den Krieg? Gegen die Gewalt? Gegen die - gestrigen, heutigen, morgigen - Missstände auf der Welt? Trotz den vielen Worten lässt sich Schleef nicht beim Wort nehmen. Bemühungen, seine Assoziationen auf eine klare Linie zu bringen, führen zwangsläufig zu Stirnrunzeln und Achselzucken. Dennoch: Lenins «Es muss eine neue Art Mensch geschaffen werden», x-mal wiederholt, geht nicht einfach auf die Nerven. Die monstermässige Zitat-Montage, soviel ist am Ende klar, trieft vor Zynismus. Und keinesfalls vertrödelt seine Zeit, wer den Marathon durchsteht. Was nämlich die äusserst sparsamen, in umgekehrter Proportion zur verschwenderischen Verbalmaterie eingesetzten optischen Effekte angeht, übertrifft Einar Schleef alles, was - nicht nur in der neu arrangierten Berliner Theaterlandschaft - derzeit auf den Bühnen zu sehen ist. Er formuliert seine Behauptung in der Sprache der Bilder: das Pseudomanifest als Allegorie.

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die tageszeitung, 2. 6. 2000:

Zarathustra im Abendanzug - Schleefkunst heißt, dass Zeigendes und Gezeigtes zusammenfallen. Schleefkunst heißt aber auch, dass im Pathetischen tückisch defätistische Botschaften gefunkt werden. Diesmal leider konzertant. Im Deutschen Theater Berlin inszeniert Einar Schleef seine Collage zum November 1918: "Verratenes Volk"

Von Petra Kohse

Vom Himmel durch die Welt zur Hölle, von Adam und Eva über Nietzsche ins sibirische Lager. Um Mitternacht dann, am Ende der fünften Stunde, führte die Sache ins Konversationsstück. Beiläufig disputierten die Revolutionsführer Liebknecht und Luxemburg über die Massen, bis zur Mitte der sechsten Stunde ein donnerndes "Dies irae" die dürre Argumentation zunichte machte. Sechzig Sänger und Schauspieler mit voller Stimmkraft sind ein Fakt, dem man sich stellen muss.

In schwarzer Abendkleidung und barfuß, von unten geisterhaft beleuchtet in einem kerker- und zugleich arenenhaften Halbrund, haben sie sich an diesem Abend schon mehrfach formiert. Dies ist der letzte Auftritt, und er mündet in einen höfischen Tanz, bei dem ein Arm sich rhythmisch in die Höhe dreht und einen Moment lang dort verharrt. Jeder tanzt für sich allein, doch gleichsam ferngesteuert vom Regisseur in aller Mitte, der leise zur Wiederholung antreibt, zum fortgesetzten Anschwellen und Nicht-Nachlassen, zu einer Steigerung, die auf keinen Punkt zustrebt, sondern nach Dauer trachtet und nur aus organisatorischen Gründen abbricht und Applaus zulässt, weil sich das im Theater so gehört.

Einar Schleef hat eine neue Inszenierung herausgebracht. Wie immer ist es eine "Uraufführung", weil alles, was er anpackt, Anspruch auf noch nie Dagewesenes erhebt, und sie heißt "Einar Schleef Verratenes Volk". Im Untertitel: "Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk", nach Texten von John Milton ("Das verlorene Paradies"), Friedrich Nietzsche ("Ecce Homo"), Edwin Erich Dwinger ("Armee hinter Stacheldraht") und Alfred Döblin ("November 1918").

Ort des Geschehens ist das Deutsche Theater in Berlin. Ausgerechnet das DT, das früher einer menschenfreundlichen Klassizität huldigte, sich dann mit Thomas Ostermeier als Gegenwartstheater neu erfand, den Kurs ohne ihn aber nicht fortsetzen konnte und derzeit keinen Ruf zu verlieren hat, aber Abonnenten, versucht es mit großformatigen Deklamationen und Chorauftritten zum Thema der verlorenen Hoffnung auf eine sozialistische Revolution. Als Schleef die bereits für Anfang Mai angesetzte Premiere wegen Krankheit verschieben ließ, fühlte sich das Deutsche Theater "verraten". Dabei bekam es einen aparten Skandal geschenkt. Etliche kannten plötzlich welche, die welche kannten, die wussten, dass der Mann nicht krank sein konnte. Denn so unerträglich im Dunstkreis des Theaters das Gewisse scheint - das Ungewisse wird noch mehr gehasst. Als bei der Premiere am Montag nicht klar war, wie lange es denn dauern würde, fünf Stunden, sechs oder mehr, verschaffte sich der innere Widerstand als Spott sein Recht: Vor Beginn parodierten frühere Kollegen Schleefs privates Stottern und witzelten über seine Arbeitsmoral.

"Das Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken, und auch sein natürlicher Hang", heißt es bei Nietzsche. Und als Nietzsche auftrat in "Einar Schleef Verratenes Volk" am Montagabend, war Nietzsche Schleef, und das Volk lachte. Oder kicherte doch in Teilen. Natürlich war es in seiner Monomanie lustig, dass der Regisseur, Autor, Bühnen- und Kostümbildner des Abends unerwartet noch die männliche Hauptrolle übernahm, weil der Darsteller "erkrankt" war, und nun im dunklen Anzug an die Rampe trat, wo durch einen Schacht das einzige Licht einströmte, das die Bühne erhellte. Im ersten Teil des Abend und vor der ersten Pause hatte Inge Keller als sehr alte Dame in gleißendem Weiß an dieser Stelle gesessen und die Vertreibung aus dem Paradies nach Milton rezitiert. Und nun, nach der Pause und diabolisch ins Licht gesetzt: Schleef als Nietzsche.

"Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist?" Erstmals in seiner "Puntila"-Inszenierung am Berliner Ensemble war Schleef selbst aufgetreten, in der Titelrolle des unberechenbar diktatorischen Gutsherrn. Damals gelang es ihm in der Vermischung seiner Rollen als Puntila und Regisseur, einen Moment der Verwirrung und Auflösung ins Spiel zu bringen, das die zuchtvolle Chordramaturgie wirkungsvoll kontrastierte und unmissverständlich zeigte, worum es in seiner Arbeit geht: wie sich der Einzelne zur Masse stellt und die Masse sich zu ihm. Dass es Schleef seither nicht gelang, einen anderen Schauspieler an diesen Grat der Auflösung zu treiben, zeigt, wie persönlich sein Ansatz ist, wie wenig kommunikativ oder teilbar in seiner Realisierung. In der Schleefkunst fallen Zeigendes und Gezeigtes, Verhandeltes und Gelebtes, Subjekt und Objekt zusammen. Ähnlich radikal war der Ansatz von Artauds "Theater der Grausamkeit". Artaud aber fehlte die gestalterische Kraft.

"Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist?" Die Nietzsche-Sätze spricht Schleef, als wären es seine. Die Textseiten fest in der Hand, doch weiterblätternd ohne hinzusehen, deklamiert er rufend in einer stakkatohaften Insistenz, die aber nicht pathetisch emotionalisieren will, sondern der Textorganisation, dem Textverständnis dient. Wie ein Mensch gewordenes Gewitter steht Schleef auf der leeren Bühne aufrecht im Licht, ein Zarathustra im Abendanzug, und tatsächlich donnert es, und das Licht wechselt, als hätte der Blitz eingeschlagen.

Etwa eine Dreiviertelstunde dauerte dieser Auftritt und machte auch den anfänglich hämisch Dazwischenrufenden bald klar, dass diese Ineinssetzung von Schleef mit dem seine Asozialität philosophisch überhöhenden Nietzsche ("Warum ich so klug bin?") nichts war, was Schleef widerfahren ist. Er hatte sie nicht ohne Selbstironie gebaut, blieb auch in der Rolle, als er einmal textlich den Anschluss verlor: "Das habe ich doch zweimal diktiert - ach ja, hier, ich hatte es gestrichen." Schleefkunst ist Schleefkunst oder sie ist nicht, und kennt kein Maß außer dem Takt, der sie gliedert.

"Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk." Sehr weit spannt Einar Schleef den Bogen diesmal. Ging es bisher meist um die Ausmalung von Zuständen, wird hier Menschheitsgeschichte gerafft. Von der Vertreibung aus dem Paradies über die Exklamation des gottlosen Willensmenschen geht es um die Kehrseite der Allmachtsfantasie: um den Ersten Weltkrieg aus der Sicht deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lazaretten und in Sibirien. Ein Sprecherchor, nackt unter abgerissenen Militärmänteln wie stets bei Schleef, skandiert in gleichbleibender Emphase das Grauen. Dieser Vorgang, dass zehn Schauspieler an die Rampe rennen und minutenlang wie aus einem Munde rufen, einzelne Stimmen hervortreten lassen und wieder in die Gemeinschaft aufnehmen, ist körperlich so bedrängend wie akustisch betörend. Es ist eine bekannte Figur aus dem Schleefschen Kanon und doch in ihrer Präzision und Disziplin immer wieder erstaunlich. Und wirksam in der Analogie von Thema und Form: dass die das machen, sich so in den Dienst zu stellen!

Dann sitzt Jutta Hofmann, nur mit einem weißen Leintuch bekleidet, als Rosa Luxemburg in der Gefängniszelle auf dem Rand einer Badewanne im sonst immer noch konsequent leeren Bühnenhalbrund. Gefangene Intelligenz, Kritik an der deutschen Intelligenz, Verzweiflung und "große Hysterie". Jutta Hoffmann spricht traumverloren und kultiviert eine Naivität, die ihre Rosa zur weisen Närrin stilisiert. Ein Frauenchor stürmt heran mit den letzten Sätzen Gretchens aus dem "Faust", als sie im Kerker sitzt und einverstanden ist mit dem Verlorensein. Und immer wieder der Männerchor. Und der Frauenchor. Angedeutete Kopulation. Und alle gemeinsam mit den Sängern, sich auf die Bühne ergießend, pazifistisches, sozialistisches Liedgut schmetternd, dann wieder nach hinten stürzend und in der winzigen Türe schwunghaft verschwindend wie Wasser im Abfluss. Formal hat das eine große Klarheit.

Eine rote Fahne fällt vom Himmel auf die bisher strikt schwarz-weiße Bühne, und Rosa zieht sich Helm und Brustschild über. Als deutsche Johanna mit einem nackten und einem bestiefelten Fuß posiert sie auf rotierender Drehbühne, während der Männerchor in lächerlich großen roten Sportkostümen ebenfalls Fahnen trägt und im Kreis hastet. Ganz weit oben fassen sie die Fahnen an, wie ein Kind etwas, das ihm eigentlich zu schwer ist. Dann heben sie Rosa empor und singen "Ich bin auf einem russischen Acker erfroren."

In den Posen des Pathetischen funkt Schleef tückisch ironische, defätistische Botschaften von der Bühne und triebe in der Pervertierung von Form und Inhalt an die weiland Soz-Art heran, wenn es ihm mit dem Erhabenen nicht letztlich doch ernst wäre. Die Posen sind nicht nur Zitate, sie sind auch Krücken. Denn der Stoff selbst erweist sich letztlich als nur schwer begehbar. Die Novemberrevolution steht plötzlich auf der Szene, Metallarbeiter tanzen, Rosa und Karl diskutieren. "Schulfunk" schrieb irgendjemand schon darüber, und es stimmt. Schleef habe keine eigene Position zum Stoff entwickelt, hieß es woanders, und das ist Unsinn. Was für eine eigene Position soll einer zum verlorenen Krieg und zum Scheitern der sozialistischen Revolution in Deutschland denn haben? Ja, aber. Warum dann es referieren?

Gemeint ist: Es ist immer wieder auch mühsam. Zumal Schleef anders etwa als in Jelineks "Sportstück" an Burgtheater seine Mittel konzertant einsetzt. Ganz ohne die Bilderwucht, die ihm vielleicht verlogen erschien, ihm hier vielleicht auch einfach nicht gegeben war. So jedoch vollzieht sich "Verratenes Volk" wie eine böse Prozession und zieht wieder und wieder vorbei und kann nicht enden, und wie auch, bedeutet sie dem Künstler doch das Leben. Es ist nicht nur das Totalitäre, das Einar Schleefs Ästhetik so angreifbar macht. Es ist wohl auch die Privatheit, die sich darin verbirgt. Zum Premierenapplaus hielt sich der Autor im Hintergrund. Das müde Publikum patschte in unklarer Absicht weiter in die Hände. Schleef antwortete mit einer kurzen Zugabe des Chores.

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Berliner Zeitung, 4. 7. 2000 (5. Nachwuchskritiker-Wettbewerb):

Wir sind das neue Auditorium!

Von Ulrike Sophia Trommer

Man muss die Größe seines Magens kennen", sagt Einar Schleef in dem beinahe einstündigen Solo-Auftritt in seiner Inszenierung am Deutschen Theater. Dabei hat es sich der umstrittene Regisseur in "Verratenes Volk" zur Aufgabe gemacht, in den Kampf zwischen Wahrheit und Lüge der Jahrtausende einzugreifen und die Verlogenheit in der Wahrheit aufzuzeigen. Er spricht in Nietzsches Worten ("Ecce homo") die Voraussetzung für den Abend aus, dass nämlich Ideale immer mit Handschuhen angefasst würden. Schleef genügt die bloße Hand.

Die Aufführung beginnt mit der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies. Die Darstellung dieses "Verlorenen Paradieses" soll Ansatzpunkt der Kritik von "Verratenes Volk" sein, das ein Plädoyer für den kritischen Umgang mit Idealen ist, die nichts als problematische Ziele verfolgen. Der zentrale Vorwurf seines Stückes ist besonders in der Inszenesetzung von Dwingers "Armee hinter Stacheldraht" hervorgehoben. Die erschreckende Authentizität der geschilderten Kriegserlebnisse der in russischer Gefangenschaft lebenden Soldaten wird durch die hervorragende schauspielerische Leistung und den beeindruckenden Synchronismus ihrer Darsteller zum wohl bemerkenswertesten Teil der gesamten Aufführung. Doch stieß die "unverhüllte" Darbietung der alltäglichen Gewaltszenen wegen ihrer Explizität auf Ablehnung beim langsam abwandernden Publikum.

Mit der insgesamt provozierenden Inszenierung verwirklicht Einar Schleef seine geäußerte Intention, mit der Aufführung "die Erinnerung an etwas Ungeheures" verknüpfen zu wollen. In der sich selbst zugeschriebenen Nietzsche-Rolle des "Zerstörers" verdeutlicht Schleef - unter Verwendung von Alfred Döblins "November 1918" - seine Einstellung zur deutschen Bildung. Deutschland bringe "ein Volk von Idealisten" hervor, deren "Kulturverbrechen" unweigerlich seien. So wird die sozialistische Bewegung Lenins als "eine Diktatur im bürgerlichen Sinne" inszeniert, der auch eine Rosa Luxemburg machtlos gegenübersteht.

Mit der fünfeinhalbstündigen Inszenierung überfordert Schleef allerdings die Kapazität eines manchen Zuschauermagens und an einigen Stellen ist von dem Wort "Geschmack" tatsächlich nur in der imperativen Form Gebrauch zu machen. Das Scheitern Liebknechts (Jörg Gudzuhn) und Luxemburgs (großartig gespielt von Jutta Hoffmann) bildet den Höhepunkt der Desillusionierung: Es bleibt ein verratenes Volk, das von den an ihrer Revolution gescheiterten Idealisten zurückgelassen wird.

In der Schlussszene greift Schleef noch einmal auf "Ecce Homo" zurück: "Erst von mir an gibt es wieder Hoffnung". Dem Publikum wird ein singendes und tanzendes Volk dargeboten, das sich aus seiner Abhängigkeit befreit hat. Der Forderung Lenins, eine neue Art Mensch müsse geschaffen werden, steht die Inszenierung von Einar Schleef in nichts nach. Die oftmals aufdringlichen Effekte und ausufernden Details erlauben es dem Publikum zu keiner Zeit, seine Aufmerksamkeit vom Geschehen abzuwenden. Doch wer diese so eigenwillige und gerade deshalb außergewöhnlich mitreißende Aufführung bis zu ihrem Ende mitverfolgt, kann sich zu dem neuen Auditorium zählen, das "Verratenes Volk" fordert.

Der 5. Nachwuchskritiker-Wettbewerb wurde vom Deutschen Theater, der Senatsschulverwaltung und der "Berliner Zeitung" ausgerichtet. Eine Jury wählte aus 45 Einsendungen aus. Ulrike Sophia Trommer wurde der 1. Preis zugesprochen.

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Berliner Zeitung, 6 . 5. 2000:

So kann man nicht arbeiten - An Thomas Langhoffs Deutschem Theater in Berlin melden sich Regisseure krank oder werden entlassen. Bald geht auch derIntendant. Eine Auflösung

Von Roland Koberg und Andreas Schäfer

Am Mittwoch nahm der Regisseur Einar Schleef seine Umhängetasche, setzte sich aufs Fahrrad, das vor dem Deutschen Theater an einem Geländer lehnte, und radelte die Schumannstraße hinunter. Dann war er weg, und das Nächste, was sein Arbeitgeber von ihm zu sehen bekam, war am Tag darauf ein Fax mit seiner Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Schulterverletzung, krankgemeldet bis zum 10. Mai.

Das Dumme ist nur, dass am kommenden Sonntag die Premiere von "Verratenes Volk" hätte sein sollen, jenem Stück von Einar Schleef, auf dem derzeit alle Hoffnungen des Deutschen Theaters ruhen. Seit Januar wird geprobt, die tragenden Rollen sind fast alle schon einmal umbesetzt worden, die Arbeit war mehrmals am Rande des Abbruchs, Langhoff wollte Schleef seinen Premierentermin nicht verschieben lassen, obwohl die Inszenierung zum gegenwärtigen Stand sieben Stunden dauern würde, aber trotzdem hat es bis vier Tage vor der Premiere gehalten. Am Mittwoch dann hat zuerst der Chefmaskenbildner einen Wutanfall gekriegt, ist umgefallen und musste ins Krankenhaus, dann hat der Chor auf der Bühne unmotiviert mit den Füßen gescharrt, und dann ist Schleef aufs Fahrrad.

Nun ist es nichts Besonderes, dass Einar Schleef, die Diva unter den Regisseuren, kurz vor einer Premiere davonradelt. Eigentlich gehört das zu einer Schleef-Produktion dazu. Das war schon vor mehr als zehn Jahren in Frankfurt am Main so, das war später am Berliner Ensemble so und dann auch in Wien am Burgtheater. An irgendeinem Punkt der Proben sagt Einar Schleef: So kann ich nicht arbeiten! Er steht auf und radelt davon, und sein Abend findet nur statt, wenn ein Intendant hinter ihm herradelt, ihn an der nächsten Ecke stellt (Schleef radelt nie schnell) und ihn bekniet, doch weiter zu machen.

Schleef, der Regisseur mit der großen Sehnsucht nach Ordnung und Glauben, glaubt selbst am allerwenigsten an das real existierende Theater. Er braucht nicht nur Zuspruch, sondern auch das Gefühl, das Theater sei seiner würdig. Er braucht einen Intendanten, der nicht nur an Schleef, sondern auch an sich selbst glaubt. Schleef ist die Sollbruchstelle. Wenn er eine Premiere absagt, zeigt das nicht nur, wie kapriziös er ist, sondern auch, wie kraftlos das Theater, das ihn geholt hat. [...]

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Berliner Morgenpost, 5. 5. 2000:

Eine Pleite jagt die andere - Miteinander zerstritten? Das Deutsche Theater verschiebt die Uraufführung von Einar Schleef

Von Ortrun Egelkraut

Einar Schleef ist krank. Die für Sonntag geplante Premiere von «Verratenes Volk» muss verschoben werden, heißt es knapp vom Deutschen Theater: «Weitere Mitteilungen folgen.»

Gerüchteweise war zu hören, dass sich bei den Proben jeder mit jedem zerstritten habe. Im Hause sei man, versichert Pressesprecher Klaus Siebenhaar auf Nachfrage, über Schleefs Erkrankung «betroffen und gelassen zugleich», Intendant Thomas Langhoff eingeschlossen. Mit Routine werde man die nun notwendigen Spielplanänderungen lösen und, so hofft man, am 11. Mai die Proben zu «Verratenes Volk» wieder aufnehmen, so lange dauere das ärztliche Attest, das eine «alltäglich Krankheit» bescheinige, die «nicht künstlerisch verursacht» sei, betont Siebenhaar.

Doch eigentlich ist gerade «der Supergau» eingetreten, gibt der Pressesprecher zu. Denn nicht nur die mit Spannung erwartete Uraufführung, die sich mit der jüngsten deutsch-deutschen Vergangenheit auseinandersetzt, muss verschoben werden. Fast gleichzeitig wurde die zweite «Tragödie» bekannt: Jochen Kowalski, Gaststar von der Komischen Oper, ist ebenfalls erkrankt und musste die vier Aufführungen im Mai von «Eine Sehnsucht, ganz egal wonach» absagen.

«Verratenes Volk» von Einar Schleef in der Inszenierung von Einar Schleef hätte ein weiteres Vorzeigestück werden können. Für seine Bewunderer ist er ein Genie, für andere schlicht unerträglich, er selbst behauptet von sich: «Kein Regisseur wird so gehasst wie ich». Der Regisseur, Autor, Bühnen- und Kostümbildner ist als schwieriger Mensch und hoch sensibler Künstler bekannt. Seine Inszenierungen sprengen alle Dimensionen, an Zeit, an Aufwand, an Personal, an Kosten natürlich auch. Selten kommen seine Aufführungen ohne Chöre und Marschrhythmen aus, auch beim «Verratenen Volk» sollten über 50 Mitwirkende auf der Bühne stehen.

In Berlin hatte er sich mit der Uraufführung von Rolf Hochhuths «Wessis in Weimar» wohl mehr Feinde als Freunde gemacht. In Wien indes, bei Claus Peymann am Burgtheater, führte Schleef Elfriede Jelineks «Sportstück» zum Erfolg.

Wohl selten, wenn überhaupt, hat Schleef Premieren zum vorgesehenen Zeitpunkt herausgebracht. Wer sich auf Schleef als Regisseur einlässt, weiß, was er riskiert. Auch das Deutsche Theater wusste es.

Über dem Deutschen Theater schwebt kein guter Stern mehr. Und das seit vor etwas mehr einem Jahr, seit der damalige Kultursenator Peter Radunski Thomas Langhoff die Kündigung ins Haus schickte. Seither häuften sich die Flops. Eine Uraufführung, «Die Lustigen Weiber von Wiesau», wurde nach wenigen Aufführungen abgesetzt. In den mit viel Geld und hohen Erwartungen umgebauten Kammerspielen produzierte das Team Stefan Otteni und Martin Baucks, die Thomas Ostermeiers Erfolg in der Baracke fortführen sollten, einen Flop nach dem anderen. Und unlängst verließ auch noch die langjährige Vize-Intendantin Rosemarie Schauer überraschend das Haus; ihr wurden Stasi-Tätigkeiten vorgeworfen.

«Wenn der Teufel erst einmal den Schwanz drauf hält», fasst Siebenhaar die Situation bildlich zusammen. Aber: «Wir werden dem Teufel die Stirn bieten». Denn: «Gab es schon mal eine Schleef-Produktion, die pünktlich herausgekommen ist? Wenn wir es geschafft hätten, wäre es das Wunder von Berlin gewesen, wir waren kurz davor.»

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Berliner Zeitung, 5. 5. 2000:

Einar Schleef - Deutsches Theater verschiebt Premiere

Die mit Spannung erwartete Uraufführung von Einar Schleefs "Verratenes Volk" am Deutschen Theater in Berlin, die für Sonntag angesetzt war, muss verschoben werden. Unter der launigen Überschrift "Verratenes Theater" teilte das DT am Donnerstag zur Begründung mit, Schleef sei krank. Nach Informationen der "Berliner Zeitung" verließ Schleef am Mittwoch nach einem Probenkrach das Theater und meldete sich am Donnerstag bis zum 10. Mai krank. Der Vorfall ereignete sich, nachdem die Theaterleitung Schleef eine Verschiebung seiner Premiere, deren Länge nach den letzten Proben intern auf sieben Stunden geschätzt wurde, nicht gestatten wollte. Gegenüber dpa sagte Schleef, nicht nur er, auch mehrere Schauspieler seien erkrankt. "Verratenes Volk - Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk" entsteht nach Texten von Nietzsche, Dwinger, Döblin und Milton. Neben Ensemblemitgliedern wie Jörg Gudzuhn, Jutta Hoffmann, Inge Keller und Nina Hoss sind in dem Stück vierzig Chormitglieder besetzt. (ku.)

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Die Welt, 5. 5. 2000:

"Verratenes Volk" findet nicht statt - Premiere im Deutschen Theater verschoben - Streit mit Einar Schleef?

Von Reinhard Wengierek

Das dürfte die aufwendigste Produktion werden, die das Deutsche Theater je hatte: Einar Schleef inszeniert "Verratenes Volk"; die Uraufführung einer vom Regisseur selbst zusammengesetzten Montage mit Texten von Friedrich Nietzsche, Edwin Erich Dwinger, Alfred Döblin, John Milton. "Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk" lautet programmatisch der Untertitel des auf fünf Stunden (mit zwei Pausen) angelegten Spektakels, das wahrscheinlich als monumentales Oratorium inszeniert wird. Gehört doch der Großteil der 53 Mitarbeiter nicht zum Ensemble des Deutschen Theaters, sondern zum Konzertchor der Staatsoper Unter den Linden. Nina Hoss und Inge Keller standen auf der Schauspieler-Besetzungsliste.

Der als so genial wie schwierig geltende, für fantastische, einzigartige und wirkungsstarke, gleichwohl Publikum wie Kritik polarisierende Großinszenierungen berühmte Regisseur, Bühnenbildner und Ausstatter schickte gestern in der Frühe, einen Tag vor der für heute, Freitag, angesetzten Generalprobe, dem Intendanten eine Krankmeldung. Thomas Langhoff sah sich damit gezwungen, den Premierentermin auf unbestimmte Zeit zu verschieben.

Einar Schleefs vermutliche Flucht in die Krankheit bedeutet gegenwärtig einen besonders schweren Schlag für das künstlerisch ohnehin stagnierende Haus mit seinen schwerwiegenden Finanzproblemen. Schleefs hoffentlich nur verschobene zweite Premiere in Berlin - zuletzt verantwortete er Anfang der neunziger Jahre am Berliner Ensemble mit skandalösem Erfolg die Uraufführung von Rolf Hochhuths "Wessis in Weimar" - war gedacht als der Knaller der Saison im gesamten deutschsprachigen Theaterraum. Die Premierenverschiebung deutet vielleicht auch auf ein internes Führungschaos hin. An die Folgen eines Ausfalls der Schleef-Produktion wagt keiner an diesem von Flops gebeutelten Hause auch nur zu denken.

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