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Ein Sportstück

von Elfriede Jelinek

Premiere: 23. Januar 1998 (Kurzfassung), 14. März 1998 (Langfassung), Burgtheater Wien
Mitwirkende:

Kurztext:

Kritiken:
Der Standard, 26. 1. 1998
Berliner Zeitung, 26. 1. 1998
Die Zeit 1998, Nr. 6
Die Deutsche Bühne 1998, Nr. 3
SonntagsZeitung, 25. 1. 1998



Der Standard, 26. 1. 1998:

Der Liebling der Mütter und Dompteur der Leiber - Eine Burg-Uraufführung wie aus einer anderen Welt: Regisseur Einar Schleef rückte dem „Sportstück“ der Elfriede Jelinek mit Unmaß und Chaos zu Leibe. Heraus kam eine der phantastischsten Marathonveranstaltungen, die man zur Zeit sehen kann.

Von Ronald Pohl

Elfriede Jelinek hat einen Bundesgenossen bekommen. Der ist ihr aus der Mark Brandenburg zu Hilfe geeilt: Er trägt ein schwarzes Fräcklein. Er bläst gern in sein Trillerpfeifchen. Er kommt aus dem Dunkelteil Deutschlands, aus Kleist-Land, wo Mutterhexen die Knöchelchen der toten Kinder auflesen und daraus einen Sud kochen.

Einar Schleef liebt alle Königinnen und Königstöchter: Er ist vergafft in die blutberauschte Penthesilea. Er weidet sich mit närrischer Gier am Leid der Elektra. Seine neue Herzenskönigin aber wohnt in der Republik Österreich: Sie heißt „Elfi Elektra“ und ist ein Selbstporträt der Elfriede Jelinek, festgehalten in deren Sportstück.

Sie ist es, die den stotternden Schleef in eine gut sechsstündige Liebesraserei stürzt! Der heilige Tempel, das Burgtheater, wackelt bedrohlich. Aber er stürzt nicht ein. Am Schluß sind alle, der Schleef und die Jelinek und das Publikum (und der die Überstunden zahlende Burg-Direktor), selig ermattet. Schleefs Liebesdienst soll künftig noch länger währen: Ab März plant er eine Langfassung des Sportstücks. Minne ohne Maßen. Marathon der Massen. Sport!

Liebe ist natürlich Krieg, und der Krieg beraubt die Mütter ihrer Söhne. Das hat er mit dem Sport gemeinsam, weshalb die Mütter der Krieger auch Mütter von Sportlern sind. Schleef hat seiner eigenen Mutter einmal einen endlosen Monolog in den Mund gelegt: Gertrud. Er stellt eine schwarzverschleierte Mutter Gottes an die Rampe, die auch Klytämnestra ist, oder die Mutter aller Schikanonen, oder Hekabe, die ihren toten Hektor beweint.

Neben ihr an die Rampe gedrängt der Chor der Sportler, der eben noch „Gott erhalte, Gott beschütze ...“ gesungen hat. Das Burgtheater ist die männerherrlichste, die kaiserlich-königliche Abrichtestätte. Weswegen der greise Heinz Fröhlich zu Anfang auch den Eröffnungsprolog für das Burgtheater anno 1888 deklamiert, assistiert von vier Knaben in Turnhosen.

Schleef trillert auf der Sportstätte. Die ist ein Liebeskampfplatz und reicht von der Feuermauer bis zur Rampe. Pfiff! Die Leiber hetzen nach vorne. Leiber können auch aus dem Schnürboden herabhängen, oder sie rollen einander weiße Kugeln zu: das Bowling der Berauschten! Die Leiber schreien chorisch, die Körper dampfen tierisch. Einar Schleef ist ihr Feldwebel, ein ungeschlachter Fafner oder Fasolt, der aus einem vorzeitlichen deutschen Krautacker herausgewachsen sein muß.

Das tut dem Marstheater der Elfriede Jelinek spürbar gut. Schleef hat es nämlich nicht neckisch bekichert wie weiland Claus Peymann, sondern gröblich geerdet (und gekürzt). Er gräbt alles um. Er reißt aus mit Stumpf und Stiel. Man ist wunderbare Stunden lang beschäftigt mit Rätselraten und Klötzestaunen. Ist da nicht gerade Herr Achill von seinem hohen Kothurn gefallen? Hat aus dem Schwarz der Bühnenschachtel nicht gerade die „schwarze Witwe“, eine Tötungssportlerin, zu uns gesprochen?

Nur Schleef kann es einfallen, das Publikum mit dem Satz: „Entsetzen greift um sich, ergreift was und wen es will!“ zu konfrontieren wie mit einem Fluch. Schleef, der Stotterer, betreibt Mundgymnastik. Jelinek, die Fluchrednerin, borgt ihr Jägerlatein.

Zwischenzeitlich begrüßen wir auch noch die Herren Hofmannsthal und Kleist: Wir lauschen also dem wütenden Liebesduett der Chrysothemis und der Elektra. Wir bewundern lauter Liebscheinchen im Reifröckchen, die mit aufgeregt hohen Wisperstimmchen einander von Penthesileas Bluttat erzählen. Das paßt wunderbar zur „Mutterkuchenform“, von welcher der Schleef-Chor irgendwann einmal kündet. Zwischendurch müssen wir auch eingedöst sein.

Da! ein Donnerschlag! Schleef eilt durch das Dunkel hin zur Rampe. Er hört gar nicht mehr zu stottern auf. Er bekennt, bis 23 Uhr Wiener Ortszeit nicht fertig zu werden mit dem vorläufig Eingepaukten. Er fleht hinauf zur Direktoren-Loge: Gib uns Zeit! Mach es unserer Hundertschaft möglich! (Unmöglich, irgend jemanden aus diesem aufopferungsvollen Ensemble herauszuheben!) Dann passiert’s: Schleef kniet nieder. „Schleef“, lispelt Peymann, „lassen Sie mich aussprechen!“ Er, Schleef, müsse ihm, Peymann, hoch und heilig versprechen, ab morgen, Samstag, pünktlich um elf zu schließen. Schleef schaut auf seine Schwurhand. Worauf soll Schleef, dieses chaotische Genie, denn schwören?

Am Samstag war um 23 Uhr pünktlich Schluß. Das ist natürlich noch lange nicht das Ende. Schleef ist ein Fall. Aber was für einer.

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Berliner Zeitung, 26. 1. 1998:

Burgtheaterbezwingzwang - Einar Schleef bringt Elfriede Jelineks "Ein Sportstück" am Burgtheater Wien zur Uraufführung

Von Roland Koberg

Elfi Elektra ist nicht mehr. In ihr vereinen sich die Autorin, die griechische Rächerin ihres Vaters und die patriotisch-weiblich gesinnte Firma für Haushaltsgeräte "Elektra Bregenz". In Elfriede Jelineks neuem Dramentext "Ein Sportstück" hat Elfi den Prolog und den Epilog. Aber im Wiener Burgtheater, in der Uraufführung durch gezählte 142 Darsteller samt Regisseur Einar Schleef kommt sie nicht mehr vor. Die Selbstbezichtigerin, als die sich Elfriede Jelinek da ausliefert, darf keine Rolle spielen. Dafür spielt Schleef eine Rolle.

Gegen Mitternacht betritt Einar Schleef ­ im Frack, die Schuhe in in der linken Hand ­ ein über den Bühnenboden ausgebreitetes Jelinektuch. Die persönlichsten Zeilen dieses sehr persönlichen "Sportstücks" sind flächendekkend darauf gemalt, eine schulderfüllte Beichte vor dem irre gewordenen Vater, der tot ist, und Schleef schreitet die Buchstaben nun laut sprechend ab. Immer wieder hält er inne wie gekränkt, als ob er durch die Verletzlichkeit der Jelinek die seine ausgeschlossen fühlte. "Papi. Du sollst jetzt bitte auftreten und mir einen Vorwurf machen Wo ich jetzt bin, bist du halt nicht", steht da, und Schleef zeigt überhaupt kein Mitleid. "Ach, Frau Jelinek, helfen Sie doch mal! Da fehlt ein Wort, Frau Jelinek!" sagt Einar Schleef mit halb weinerlicher, halb befehlender Stimme. Die Autorin: "Ich bin die einzige in meiner Nähe." Der Regisseur: "Ich auch, Frau Jelinek! Für mich geniert sich auch jeder!" Die Autorin: "Ich bin so lächerlich, lächerlich!"

Ein bewegender Moment. Denn tatsächlich hat der Regisseur vorher schon einiges getan, um sich lächerlich zu machen, im dramatischen Sinn des Wortes. Er hat eine Aufführung inszeniert, die den gewerkschaftlichen Sperrstundenrahmen sprengt, und die zu erwartende Überlänge vor dem Burgtheaterdirektor geheimgehalten wie ein Kind, das sein schlechtes Zeugnis verbergen will. Auf dem Programmzettel steht, heute sei die "Kurzfassung" zu sehen, am Theaterplakat ist als Spieldauer 18 bis 22.50 Uhr angegeben; im Gebäude werben Zettel für eine zehn- und eine 18minütige Pause; aber kurz vor elf ist die zweite Pause noch immer nicht in Sicht.

Auf der Bühne löst gerade der Chor in Matrosenuniformen die Darstellerinnen eines "Elektra"-Dialogs von Hofmannsthal ab, da unterbricht Einar Schleef die Vorstellung. Alle Darsteller, so Schleef zitternd, gehen jetzt mit ihm auf die Knie, "damit wir diese Aufführung heute zu Ende spielen können, wenigstens in der Kurzfassung". Die Matrosen auf der Bühne und Schleef vor der Bühne gehen auf die Knie. Aus dem Dunkel, nähe Kaiserloge, Claus Peymanns Stimme. Er rechnet vor, was das nun wieder kostet (etwa 10 000 Mark). Er werde Schleef aber aus eigener Tasche einladen heute, wenn er "vor 1 500 Zeugen" verspreche, morgen brav zu sein. Unter Krämpfen verspricht Schleef irgendetwas und kriegt Taschengeld. Die Matrosen singen "Ein Schiff wird kommen". Zweite Pause. In der letzten Stunde dann der Showdown auf dem Text-Tuch: Schleef steigt mit Jelinek in den Ring und trifft sein Ego. Narzißmus pur, allertiefst verletzlich.

Der Chor der Masse und die Ausgestoßenen ­ Schleefs Lebensthema, Jelineks Lebensthema. Es war vorherzusehen, daß es zwischen den beiden nur zu zwei Dingen kommen kann: Zusammenfallen oder Aufeinanderprallen. Schon die Ankündigung des Projekts "Ein Sportstück" machte stupend bewußt, was für ein Seelenverwandtschaftstreffen einen erwartet; daß eine inzestuöse Fernbeziehung da zueinander finden kann, muß. Beide haben sie im Zustand der Krankheit und Isolation einst zu schreiben begonnen, beide sich schreibend an übermächtigen Müttern abgearbeitet (Schleefs "Gertrud", Jelineks "Klavierspielerin"), beide haben früh erkrankte Väter zu beklagen. Ihr ästhetischer Furor in der Sprache, ihre axtscharfe Grundaggression, ihre Hingabe an das große starke Wort, an den Sog der Wiederholung, ihre Besessenheit vom Kampf der Geschlechter und der Massen eint sie über viele Besonderheiten hinweg.

Auch eine der Gemeinsamkeiten sind die Wunden, die das Wiener Burgtheater, Metapher des Kunsttempels, bei beiden hinterlassen hat. Jelinek hat sich mit ihrer ketzerischen Groteske "Burgtheater" dieses zum Feind gemacht, und wurde am österreichischen Staatstheater erst vor fünf Jahren zum ersten Mal gespielt, im Haupthaus am Ring noch nie. Schleef wiederum war 1976 aus Ost-Berlin eingeladen worden, um zusammen mit B.K.Tragelehn zu inszenieren. Von Wien aus schickte er sogleich seinen Abschiedsbrief an die DDR und mußte, um Tragelehns ­ später geplatzte ­ Arbeit nicht zu gefährden, die Produktion verlassen. Es dauerte neun Jahre, bis Schleef wieder inszenierte. 1998 also: das gemeinsame Burgtheaterdebüt dieser beiden Ausnahmeerscheinungen.

Elfriede Jelinek wandelt im "Sportstück" eines ihrer liebsten Themen neu ab: Sport als (Metapher für) bindende und ausgrenzende Gewalt. Ein zersetzender Text, in seiner lustigen Umständlichkeit verwandt mit Werner Schwab, in seiner galligen Melancholie mit Ferdinand Raimund, in seiner autoritären Anklägerei mit Thomas Bernhard.

Jelinek beobachtet österreichische Idole oder Schicksale und verfremdet, erhöht sie. Mütter in Übergröße sehen mit Sorge ihre Söhne in den Krieg des Sports ziehen: "Bitte mein Sohn, gehe heute einmal ausnahmsweise nicht auf den Sportplatz! Ich bin innerlich so bang, daß ich dich nicht wiedersehe!" Aus den Figuren werden Gespenster, "Untote", die aus den Gräbern und Zeitungsfotos herausgeschossen kommen. Ihre Opfer tragen behindernde ­ Heideggersche ­ Gestelle (bei Schleef: Krinolinen), liegen als Menschenbündel am Boden. Aber, und das ist spektakulär an diesem Text: Jelineks Anklage ist immer auch Selbstanklage. Auf dem Friedhof der Untoten waltet sie weinend als Gärtnerin des Grauens.

Einar Schleef inszeniert das Stück sehr schön. Er führt es auf seine antikischen Wurzeln zurück, die Darsteller der sportlichen Massen tragen nicht Trainingsuniformen, wie Jelinek sich das gewünscht hat, sondern kurze weiße Hosen und Leibchen oder, ganz spartanisch, nichts. Der Chor hat Kraft, und damit ist weniger eine sportliche Kraft gemeint, die freilich spürbar ist, sondern eine lautmalerische Entschiedenheit, mit der Überzeugungen aufeinander losgelassen werden.

Schleef feiert das Sprechen, und so mancher Schauspieler des Burgtheaters kann in den Soli zeigen, was da an hoher Kultur hervorkommt, wenn sie sich groß ausstellen darf. Unter den jüngeren bestechen Martin Brambach und Julia von Sell ­ beide sprechen diesen hermetischen Text unauffällig direkt und konkret, dabei geradezu feinsinnig leicht.

Die ersten "Sportstück"-Stunden haben dennoch Schwächen, im Dramaturgischen. In Schleefs Bühnenbild, das jeden Kubikzentimeter Bühneninnenraum auskostet, das nur Licht und Schatten kennt, fast nur schwarz, weiß und fleischfarben, wechseln Soli und Chorszenen einander kantig ab, Eingliederung- und Auswurfbewegungen sind selten. Das hat damit zu tun, daß Schleef Jelineks Täter-Opfer-Dynamik so nicht nachvollziehen mag, auch nicht die Weissagung-und-Selbstbezichtigungsdialektik. Ihr Sporthaß wird der Autorin mit den Mitteln des Sports, der Übungen an Leib und Kehle, gleichsam exorzistisch ausgetrieben. Ihre Angst hat da wenig Platz. Schleef mag diese Angst nicht. Angst hat er selber.

Wo Sprachkunst Theaterkunst trifft, begegnen sich oft auch Kunstsprache und Kunsttheater, und es wird oft gefährlich kongruent. Bisweilen stellt sich so ein Heiner-Müller-inszeniert-Heiner-Müller-Gefühl ein. Aber gerade als der Abend zu implodieren droht, explodiert er. Schleef nennt seine Wut beim Namen. Schleef konfrontiert Jelinek mit Elektra-Material, mit Penthesilea-Wut, mit Hofmannsthal und Kleist, mit Liedern aus Mutters Wohnküche, aus Vaters Staatstragetasche. Schleef stellt sich.

Mit dem Hinknien vor der Loge des Burgtheaterkaisers kriegen auch Schleefs Huldigungen an alles Österreichische einen neuen scharfen Sinn. Man erinnert sich, wie der Abend mit einem "Szenischen Prolog zur Eröffnung des k. k. Hofburgtheaters am 14. Oktober 1888" eröffnet worden war, herzige Kinder im Dialog mit dem "Geist des alten Burgtheaters" ("Mißkenne nicht des Wortes Macht und Kraft/ Das kunstgeadelt Sieg oft dir verschafft"); wie danach die Kaiserhymne chorisch gestemmt wurde ("Gut und Blut für unsern Kaiser!"), wie Schleef Jelinek todesnah verraimundete, und man erkennt sehr deutlich des Regisseurs Burgbezwingungszwang. Und als der Kampf mit dem Kaiser, für diesen ersten Abend wenigstens, entschieden ist, beginnt Schleef mit der Autorin zu ringen: Wer ist ärmer dran?

Der Kampf endet unentschieden. Schleef und Jelinek treten Hand in Hand aus dem Chor. Orkane des Jubels brausen über den Regisseur und die Autorin hinweg. Sie haben einander alles gegeben. Wie sie sich da festhalten, das ist ergreifend, unwiederbringlich. Um halb eins verläßt man mit einem kaiserlichen Gefühl das Burgtheater.

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Die Zeit 1998, Nr. 6:

Einar Schleef und die Wiener Uraufführung von Elfriede Jelineks "Ein Sportstück" - Um die Ecke gedacht

Von Sigrid Löffler

Am Timing hat's nicht gefehlt: Zwei Sportstücke am selben Wochenende, wie miteinander abgestimmt. Das eine Sportstück fand in Kitzbühel statt, das andere am Wiener Burgtheater. Das politische Österreich plus Medien - also "der gesamte Herr Bundeskanzler", wie Elfriede Jelinek sagen würde versammelte sich am Hahnenkamm, dem Ort, wo das Land als Skination alljährlich neu geboren wird. Und der kulturelle Rest des Landes strömte im Burgtheater zusammen, dem Ort, wo zur gleichen Zeit von derselben Elfriede Jelinek der Skination alle Sport-Tode an den Hals gewünscht wurden.

Hier die Streif, dort der Schleef. Hier die gebenedeite Abfahrt, wo's mit den Skihelden des Landes glorreich bergab gehen sollte. Dort, in Einar Schleefs Regie, die Uraufführung der vermaledeiten Jelinek, die ihrer Lieblingswut frönen wollte, dem Haß auf den Sport und auf jene, die ihn treiben, die Sportler. Welches Sportstück war das wahre? Das politische Sporttheater, das Nationalstück in Kitzbühel? Oder sein hämisches Wiener Gegenstück, das Mordstheater an der Burg?

Timing ist nicht alles. An diesem österreichischen Twin-Peak-Wochenende des Sports kam alles anders als gedacht. Es gab ein nationales Trauerspiel auf der Skipiste (Hahnenkammsieger wurde ein Italiener) und einen technischen K.o.-Sieg am Burgtheater: Schleef schlug Jelinek, mit Claus Peymann als Ringrichter. Geplant war das zwar nicht, aber man hätte sich's eigentlich denken können. "Machen Sie was Sie wollen. Das einzige, was unbedingt sein muß, ist: griechische Chöre." So die Regieanweisung der Autorin. Und schon war der Kurzschluß passiert und Einar Schleef engagiert, durchaus mit Jelineks Einverständnis.

Und der machte nun, was er wollte. Schließlich hat sich Schleef seinen Ruf als Exerzierzagel des deutschen Theaters redlich erarbeitet - keiner kann wie er Schauspieler-Ensembles in Marschkolonnen und Turnerriegen verwandeln, keiner sorgt wie er für szenische Truppendynamik und rhythmisches Stampfen, für Stakkato-Chöre und kollektiven, sprechmotorischen Drill. Alles, was man von ihm kennt, zeigte er auch in Wien, nur manierlicher. So gedämpft hat Schleef noch nie berserkert - mit Raimundscher Schwermut und Schubertscher Verhangenheit, mit Materialien aus Hofmannsthals "Elektra" und Kleists "Penthesilea". Amazonen in altrosa Krinolinen trillerten gellend ihre Kleist-Texte, weißseidene Rokokoschranzen fistelten ein Mozart-Duett, Brüderlein fein und Rosenkavalier machten die Honneurs, und die Antike, in Gestalt Achills, stakste auf güldenen Kothurnen herbei. Es war, als habe der alte Geist des Hauses, der anfangs leibhaftig auftrat, den Burg-Debütanten Schleef mit zarter Rücksicht angesteckt.

Indes: Am Uraufführungsabend begann das wirkliche Theater erst, als ihm ein Ende gemacht werden sollte. Kurz vor elf Uhr nachts, nach fast fünf Stunden Spieldauer, unterbrach der Regisseur die Chor-Exerzitien auf der Bühne, warf sich vor der Rampe auf die Knie und preßte dem Hausherrn Peymann in seiner Direktorenloge stotternd die Erlaubnis zum Weiterspielen ab, über das gewerkschaftlich garantierte 23-Uhr-Limit hinaus.

Daraufhin kurzes Schreiduell zwischen Parkett und Rangloge und die kurze Hoffnung der Zuschauer, dieser Zwischenfall könnte mitinszeniert sein: die Machtprobe zwischen dem Aufwiegler und Regie-Demagogen und einem bürokratischen Theaterapparat als witziges Interludium, als Peymann-Happening zum Schleef-Spektakel.

Doch nein. Hier wurde bloß ein ganz realer Tarifkonflikt ausgetragen, es war die banale Wirklichkeit, die sich im Theater breitmachte, in all ihrer Amateurhaftigkeit, und nicht mehr wegging. Direktor und Regisseur einigten sich coram publico auf einen Kuhhandel. Schleef durfte die Premiere - die genaugenommen der allererste Durchlauf des "Sportstücks" war - zu Ende spielen, ausnahmsweise, wenn er schwören wollte, künftig um elf Uhr Schluß zu machen. Dafür wollte Peymann die Überstunden aus eigener Tasche zahlen.

Schleef schwor nicht, trotzdem durfte er weitermachen, bis in die Puppen, mit einer Serie von immer unfertigeren Szenen und Auftritten. Man sollte ihm für die läppischen Stolperstarts in den frohgemuten Dilettantismus dankbar sein: Jetzt wissen wir endlich, daß in der Schleef-Kaserne die Rumpelkammer gleich an den Paradeplatz anschließt und daß im formfanatischen Zuchtmeister ein chaotischer Theater-Schlamper steckt.

Und als gar nichts mehr ging, da ging immer noch der Egotrip des Regisseurs, auf Kosten der Autorin. Ohne Schuhe wandelte Laienspieler Schleef über Jelineks Textteppich und machte sich über sie lustig, ganz ohne zu stottern: "Da fehlt ein Wort, Frau Jelinek, helfen Sie doch mal." Ach ja, der Text. Der bleibt auf der Strecke. Elfriede Jelinek bringt in ihrem "Sportstück" den Sport umfassend und gehässig zur Sprache, aber zu nichts sonst. Die Autorin, die allem widersteht, nur nicht der Versuchung zum Kalauer, schließt in ihren Marathonredeschwall diesmal auch gnadenlose Selbstverspottungen mit ein, hat aber in ihrem Text Bühnenvorgänge nicht vorgesehen. "Machen Sie was Sie wollen." Schleef nahm's als Freibrief, die Autorin - die sich in einer Gestalt namens "Elfi Elektra" sarkastisch in ihr Stück eingeschrieben hat - zu eliminieren, ihren Text um die Ecke zu bringen und von ganz was anderem zu reden. Ihren Attacken auf die Leibesertüchtigung und deren Ideologen nahm er durch Affirmation jede Wirkung. Seine wahre Uraufführung hat "Ein Sportstück" demnach noch vor sich.

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Die Deutsche Bühne 1998, Nr. 3

Elfies Marathon-Mann

Von Detlef Brandenburg

Sechs Stunden, sieben Stunden, acht Stunden? Das war die Frage, die vor der Uraufführung von Elfriede Jelineks „Sportstück“ die Theaterwelt bewegte. Einar Schleef setzte an zur großen Tat, schaffte den angestrebten Marathon-Rekord aber bei der Premiere noch nicht ganz. In den folgenden Vorstellungen schrumpfte die Inszenierung dann wundersam – doch keine Sorge: Im März soll nun die Langfassung folgen...

Zur Premiere soll der Kritiker kommen! Wirklich? Soll er immer zur Premiere kommen? Nun ja: ich war bei der fünften Vorstellung von Elfriede Jelineks „Sportstück“ am Wiener Burgtheater und habe damit natürlich fast alles verpaßt, was dieser Uraufführung ihren medienwirksamen Event-Charakter beschert hat. Zum Beispiel die an sich eher sportliche, in diesem Falle aber zweifellos theaterweltbewegende Frage, ob die Premiere denn nun fünf, sechs, sieben oder acht Stunden dauern würde. Was ja nicht zuletzt eine Sache der Kondition ist, für die Langläufer auf ihren Bühnenbrettern auf der einen Seite ebenso wie für die Theatersesselakrobaten auf der anderen. Und so ein gemeinsames Match stiftet Sportsfreundschaften, die einen ganzen Abend lang halten! Wie da der Schleef so gegen elf die Premiere mit seiner Trillerpfeife abgepfiffen hat gerade beim Matrosenballett mit den schönen Seemannsliedern, wie er mit seinem Ensemble auf die Knie gefallen ist und Claus Peymann, den Hausherrn, angefleht hat, doch bitte, bitte weiterspielen zu dürfen... Denn das Weiterspielen ist am Staatstheater eben doch nicht nur eine Sache der Kondition, sondern leider auch eine der Finanzen - was Herz, Muskeln und Sitzfleisch gerade noch schaffen könnten, bringt der Kollektiv-Vertrag eiskalt zu Fall. Der sieht vor, daß die Überstunden teuer bezahlt werden, und das haben die Theaterdirektoren gar nicht so gern. Doch für dieses eine Mal gewährte Claus Peymann generös den Freistoß, gelobte gar, so hört man, die Verlängerung aus eigener Tasche zu zahlen, allerdings nur um das Versprechen, daß Schiedsrichter Schleef die folgenden Abende pünktlich abpfeift. Schleef spielte weiter bis zwölf, und am Ende war man wechselseitig voneinander begeistert: Diese Kondition des Ensembles, und wie die Zuschauer mitgegangen sind, und der Teamgeist des Hausherrn, und der Schleef, dieser Marathon-Mann! (Nur die Kritiker müssen, wie wir es alsbald den Gazetten entnommen haben, wieder einmal ziemlich griesgrämig inmitten all der guten Laune herumgesessen haben.) Die Burg ein ganzes Haus voller Sportsfreunde also - was bei diesem Stück einer gewissen Ironie keineswegs entbehrt. But that's life!

Und wer zu spät kommt, den bestraft der Schiedsrichter! Meine Vorstellung begann um sechs und war pünktlich so gegen elf zu Ende: eine Kurzfassung. Aber schon die Premiere war als Kurzfassung deklariert, die Uraufführung der Langfassung folgt im März, da müssen dann all die griesgrämigen Kritiker wieder nach Wien, und die Burg hat aus einer Produktion ihren zweiten Event geklont. Oder, um beim Sport zu bleiben: Auf das Hinspiel folgt das Rückspiel, und nichts ist so alt wie der Rekord von gestern. Andererseits, liebe Sportsfreunde: Eine Inszenierung ist kein Fußballspiel. Sie sollte, schon den armen Abonnenten zuliebe, zumindest halbwegs zuverlässig wiederholbar sein, und im Gegensatz zu einem Happening sollte sie vor der Premiere ihre definitive Form finden. Dies vorausgesetzt, kann so eine fünfte Vorstellung (bei der uns übrigens Sportwart Schleef, soviel Event muß auch bei einer fünften Vorstellung sein, wiederum leibhaftig und mit Trillerpfeife in die Spielregeln einwies: kurzer Applaus, kurze Pausen, pünktlich aufhören!) recht aufschlußreich sein. Auf jeden Fall nimmt man ein paar vergleichsweise nüchterne, allerdings darum keineswegs durchweg negative Eindrücke mit nach Hause.

Schleef hat nämlich - erstens und anders, als einige Premieren-Kritiker ihm das vorgehalten haben - Jelineks „Sportstück“ durchaus über eine weite Strecke inszeniert; doch er ist, zweitens, damit nicht durchs Ziel gegangen, weil ihm dasselbe irgendwann auf seinem langen Lauf aus den Augen gekommen ist. Und das wiederum mag, drittens, der Grund gewesen sein, daß Schleef auch mit dieser Kurzfassung die Kondition seines Publikums strapaziert - jedenfalls mußten in meiner Vorstellung etliche Zuschauer schon vorzeitig an die Boxen. Wer einmal Wagners „Götterdämmerung“ in Levines Tempo miterlebt hat, mag kaum glauben, daß das eine Frage der puren Dauer ist. Schleef bietet inhaltlich treffendes, ästhetisch fesselndes, obsessiv sich auslebendes Theater. Aber er zwingt seine überbordenden Visionen, seine maßlosen Bildideen nicht zusammen, er findet für seine Obsessionen keine Form - und für das Stück folglich auch nicht.

Was für ein Stück aber auch! Ein maßloser Text in jeder Hinsicht. Ohne Maß und Hemmung in seinem Haß auf das Zeitalter des Rekorde-Wahns, des Geschwindigkeits-Rausches, des Leistungs-Denkens, des Militarismus', der Massenhysterie – all das hat für Elfriede Jelinek nur den einen Namen: SPORT! Da kennen ihre wütigen Assoziationen keine Grenzen: Sport = Mord. Sportsgeist = Faschismus. Mannschaftssport = Kadergehorsam. Körperkult = Euthanasie. Athletik = Körperverletzung... Jeder Bodybuilder ist ein potentieller Gewaltverbrecher, denn in jedem kerngesunden Körper muß ein ungesunder Geist wohnen. Dies alles wird in endlosen Tiraden ausgebreitet, von den charakterlich kaum profilierten, papierdünnen Figuren in Marathonpamphleten ausgegeifert. Und da zwischen der These Sport ist Mord und der Parole Alle Ausländer sind schmutzig zwar sicher ein Unterschied in der weltanschaulichen Orientierung, aber kaum einer im intellektuellen Niveau ist, würde der ganze Text rettungslos im Sumpf des Stammtischs von links versinken - wenn die Autorin diesen ihren Standpunkt nicht hochironisch brechen würde, indem sie sich unverblümt selbst parodiert als in den Zeitgeist lustvoll verbissener Keifzahn. Gleich zu Anfang tritt sie auf als "Elfie Elektra" (kess, gelt?), und in den meisten Frauenfiguren steckt, teils mit entwaffnender autobiographischer Direktheit offengelegt, ein Stück von ihr. Insofern ist dieses „Sportstück“ ein ganz erstaunlich persönlicher Text, dabei sehr selbstkritisch, selbstzweifelnd.

Erst in dieser Mischung aus Wut und Selbstironie kommt die intellektuelle Redlichkeit dieses Stückes zum Vorschein. Aber ein Wortschwall von über 180 Seiten macht kein Drama. Kaum einer der seitenlangen Monologe ist personal eindeutig zurechenbar, kaum eine Figur hat ein auch nur halbwegs plastisches Profil, und mit so etwas Altmodischem wie Repliken oder Handlungsverläufen gibt sich Elfriede Jelinek sowieso nicht mehr ab. Insofern liegt dieser Text konsequent auf der seit „Stecken, Stab und Stangl“ erkennbaren Linie einer Ent-Dramatisierung ihrer Dramen, und einige Szenenanweisungen geben denn auch in schnodderigem Ton zu erkennen, daß Dramaturgie der Autorin ziemlich wurscht ist. Vielleicht steckt auch da ja eine ihrer wütenden Assoziationen dahinter: Dramaturgie = Korsett = Drill = Faschismus? Dann allerdings wäre Einar Schleef, zu dem sie sich als Wunsch-Regisseur bekannt hat, eine ganz erstaunliche Wahl. Schleef, der Mann des choreographischen Exerzierreglements, der stampfenden Kunst-Truppen, der im Kasernenhofton skandierenden Chöre - der ideale Zuchtmeister, um all das, was die Jelinek anprangert, auf die Bühne zu bringen. Nur ist diese Affinität auch wieder fatal, weil Schleef seine Ziele durch exakt jenen Drill erreicht, den dieses Stück so gnadenlos inkriminiert.

Aber natürlich sind es solche Ambivalenzen, die Theater als Miteinander von Autor und Regisseur spannungsvoll machen. Zumal gerade Schleef einer wäre, der mit seinem Talent zur Stilisierung und Rhythmisierung dem Text jene dramaturgische Struktur, die ihm auf dem Papier fehlt, szenisch einziehen könnte. Doch Schleef macht eigentlich von Anfang an klar, daß sein Interesse an diesem Text begrenzt ist. Warum wohl sonst streicht er den Auftritt der Elfie Elektra und nimmt damit dem Stück von vornherein den selbstironischen Rahmen? Statt dessen beginnt er mit Josef Weilens Szenischem Prolog zur Eröffnung des k.k. Hofburgtheaters am 14. October 1888? Was sicher irgendwie paßt, man braucht in dem Vers „Ein neues Heim bekam der alte Geist und in der alten Weise wird er sich bewähren“ (da der Text in unserer Austriaca-Sammlung noch fehlt, zitieren wir aus dem Gedächtnis) nur Geist mit Ungeist ersetzen, und schon hat man eine Jelineksche Sottise auf die österreichisch-deutsche Form der Vergangenheitsbewältigung. Aber am Ende hat sich das Irgendwie noch immer als der Feind der Dramaturgie erwiesen. Und mit der ironischen Selbstreflexion kappt Schleef die vielleicht entscheidende Facette dieses Jelinek-Textes. Was bleibt, ist Anti-Sport-Propaganda mit den Mitteln des Bühnensports.

Die allerdings wird dann zunächst einmal eindrucksvoll in Szene gesetzt. Es tritt (laut Szenenanweisung) auf „eine Frau etwa Mitte Vierzig“ mit roter Rose und uniformstrengem scharzem Pagenkostüm, eine Jelineksche Mutterseele, die ihren Sohn an den Sport verloren hat und nun mutterseelenallein inmitten des riesigen kahlen, weißen, einstweilen noch dunklen Bühnenkastens ihren Klagemonolog sprechen muß. Ein starkes, schlichtes Bild. Und es gelingen viele solcher Bilder: Ein Chor in schwarzen Togen (auf das Kommando „auf die Plätze, fertig los“ stürmt er vor an die Rampe) skandiert frontal zum Publikum eine lange Litanei, Sentenzen wie „Warum haben Sie ihren Sohn in den Krieg des Sports geschickt?“ oder „Knochen krachen, Sehnen reißen, Adern platzen, Bänder überdehnen“ werden martialisch repetiert, die Frau kommt als Konvertitin der Sportideologie zurück auf hohem Kothurn, in schwarzer Robe und mit hoher Lockenhaube, und bevor dann das ganze endgültig zum chorischen Oratorium wird, werfen die Choristen ihre Togen ab, Einar Schleefs erste Aerobic-Stunde beginnt. „Machen Sie was Sie wollen. Das einzige, was unbedingt sein muß, ist: Griechische Chöre“, verlangt die Autorin in einer Szenenanweisung - das braucht man Schleef nicht zweimal zu sagen, auf daß man vielfach bedient werde. Weitere Kollektiv-Exercitien, teils quälend lange, werden folgen, weitere verführerisch schöne Bilder auch, das Inventar der Inszenierung ist im wesentlichen genannt.

Man kann nun natürlich mit ennuyiertem Gähnen die Selbst-Imitation der bereits mehrfach getragenen Schleef-Konfektion konstatieren. Aber vielleicht ist die Frage, wie denn diese Mittel zum Stück passen, ja doch sachgerechter. Denn sie passen: Sport macht willenlos - Schleefs dumpfe chorische Brüllorgien illustrieren das perfekt. Training ist Soldatendrill - die stampfenden, keuchenden aerobischen Turnstunden zeigen es. Sport macht anonym - die Zuteilung des Textes an identitätslose Chöre entspricht dem. Sport löscht die Persönlichkeit aus - folglich verweigert Schleef seinen wenigen Solisten (unter ihnen Bibiana Zeller, Elisabeth Rath, Julia von Sell, Martin Brambach) oft das Licht, stellt sie als schwarze Silhouetten vor die helle Bühne. Sport macht geschlechtslos - Schleef zeigt es, indem er beispielsweise den Text der Jelinekschen Pietà von einer Männerstimme brüllen läßt und ihren Sohn von einer Frau darstellen läßt. Sportler sind als Vergewaltiger ihres eigenen und fremder Körper Täter und Opfer zugleich - folglich hängen irgendwann ein paar splitternackte Gymnastik-Helden, an den Beinen aufgehängt wie Schlacht-Fleisch, vom Schnürboden herunter. Sport macht aus der Grausamkeit ein volksverdummendes Massenvergnügen - folglich wird das beklagenswerte Schicksal der Kleistschen „Penthesilea“, piepsend und schnatternd vorgelesen von einigen debilen Rokoko-Fräuleins, zu einem dumm-fasziniert bestaunten Show-Vergnügen.

Und man würde ja auch diese von Schleef hinzuengagierten (und im Programmheft korrekt angemeldeten) Fremdarbeiter im Jelinekschen Sprachberg gern willkommen heißen, wenn - ja, wenn denn der Regisseur mit diesem Sprachberg irgendwie zu Rande käme. Aber auch an diesem fünften Abend - obwohl sie seit der Premiere schon verschiedene Metamorphosen durchlaufen dabei offenbar einige Assoziations-Überschüsse bereits wieder abgetan hat - entgleitet diese Inszenierung unaufhaltsam ins Beliebige.

Was, beispielsweise, bringt uns die k. k.-Version des Deutschlandliedes - außer daß ein paar ältere Damen in den Logen selig lächeln? Was soll uns das Trinklied aus „La Traviata“? „Im Arsch ist finster“, läßt Mozart singen - aber was sucht die Regie in Mozarts Arsch? Was soll das neckische Fußballspiel des hoffnungsvollen Nachwuchses, das nicht mehr 15 Minuten dauert wie noch bei der Premiere, aber immer noch überflüssig ist? Und dann ein Schluß, der keiner ist, weil er das Begonnene nicht zu Ende bringt. „Kunst, Kunst, Kunst“ skandieren die Rokoko-Hoffräuleins, „Brot, Brot, Brot“ antworten immer dominanter jene Rotarmisten, die derweil hinten aufmarschiert sind. Und dann senkt sich ein poppig-bunter Prospekt mit Apollo im Sonnenwagen, eine ebenso poppige Frauenikone steigt aus er Versenkung empor. Also noch so eine Assoziation: Kunst und Brot = Brot und Spiele? Will da das Theater seine eigene Form als künstliche Zurichtung, seine Funktion als ablenkende Unterhaltung reflektieren (was ja zum Umgang der Hoffräuleins mit Kleists „Penthesilea“ passen würde)? Mag sein, die Gedanken sind frei, zumal im Theater. Aber mit freien Gedanken allein bringt man keine Inszenierung auf den Punkt, und das über die Premiere hinaus fortwährende Ringen mit dem Andrang der Assoziationen ehrt Schleef als Theateromanen, ersetzt aber kein Konzept. Und so läßt Schleef, derweil er entschwebt in die egomanische Kür, sein Stück einfach irgendwo links liegen - und scheitert in der Pflicht als Regisseur.

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SonntagsZeitung, 25. 1. 1998:

Sechs Stunden Sesseldrücken - Die Uraufführung von Jelineks "Sportstück" in Wien verlangte auch vom Publikum eine sportliche Leistung

Von Roman Raas

Für den ersten Höhepunkt in einer bisher eher flauen Saison sorgte das Wiener Burgtheater am Freitag mit der Uraufführung des neuen Stücks "Sportstück" von Elfriede Jelinek. Sechs Stunden musste das Publikum ausharren, bis der Schlusspfiff ertönte. Er löste tosenden Applaus aus - auf allen Rängen.

Eine kleine Theaterszene während eines langen Theaterabends: Um 22.30 Uhr schreitet Einar Schleef, der das neue Drama "Sportstück" von Elfriede Jelinek für das Burgtheater inszeniert hat, vor die Loge des Intendanten Claus Peymann, fällt gestenreich auf die Knie und bittet den Burgchef, länger als bis 23 Uhr spielen zu dürfen. Was unüblich ist, wird ihm erlaubt. Um 24 Uhr und nach sechs vollen Stunden ist schliesslich vorbei, was im Vorfeld schon für einige Aufregung gesorgt hatte.

Denn etwas war von Anfang an klar: An diesem Januarabend war keine seicht dümpelnde Theaterunterhaltung zu erwarten. Dafür sorgten allein schon die Akteure: Die Autorin Elfriede Jelinek ("Raststätte", "Stecken, Stab und Stangl"), die mit ihrem literarischen Werk die österreichische Öffentlichkeit stets polarisiert hat; der Regieberserker Einar Schleef, der bekannt dafür ist, dass er seine Inszenierungen nicht mit lieblichen Schalmeienklängen ausstaffiert. Und dann natürlich das Thema des neuen Jelinek-Dramas: der Sport und seine Begleiterscheinungen.

In "Sportstück" greift Jelinek nämlich ein Thema auf, an dem alle anderen Dramatiker bislang eher achselzuckend vorbeigesehen haben: die Sportverrücktheit der österreichischen Öffentlichkeit.

Aus welcher Optik sie dieses Massenverhalten betrachtet, hat die öffentlichkeitsscheue Autorin in einem ihrer raren Interviews verraten: "Mein Leben lang war der Sport eines meiner Lieblingshassobjekte. Wobei ich nicht dagegen bin, dass man sich an der frischen Luft ertüchtigt. Es geht um Sport als Massenphänomen und Sport als aufgeheiztes Medium des Chauvinismus und des Fanatismus - Sport als Krieg."

Das Zentrum des 188 Seiten starken Antidramas kreist denn auch um einen unversöhnlichen Widerspruch: Die Vergötzung des Körpers und die Verachtung des Geistes. Jelinek hat dem Regisseur Schleef indes nur einen Werkstoff geliefert für die Werkstatt Theater. Die den einzelnen Figuren zugeordneten Texte sind lediglich entindividualisierte Sprechmontagen aus Phrasen, Kalauern und aus Sprachmüll, entlehnt aus der Werbe- und Sportwelt.

Diesen vorgeformten Werkstoff habe Schleef entsprechend frei gestaltet und durch Texte von Hofmannsthal, Goethe oder Kleist angereichert, berichtet der leicht irritierte ORF-Kritiker Karl Löbl kurz nach Mitternacht während der obligaten Live-Schaltung aus dem Burgtheater. Dazu habe Schleef die Schauspieler Musik von Schubert, Mozart oder Verdi singen lassen.

Damit sorge er dafür, dass man den Faden immer wieder verliere, meint Karl Löbl, der diese Uraufführung als einen "tumultuösen, einen grotesken und in manchen Teilen einen dilettantischen Abend" erlebt hat. Eine "Aufführung, die aus Monologen, Dialogen und Chören besteht, aus Bühnenklamauk und parodistischen Elementen." Aber auch ein Abend, der "entfesseltes Theater zeigen will und trotzdem manchmal unendlich lang - um nicht zu sagen: langweilig - wirkt".

Davon ist beim aufgekratzten Publikum, das nach diesen langen sechs Stunden in den Wandelhallen des Burgtheaters vors ORF-Objektiv geholt wird, nichts zu spüren. Er sei zwar zweimal eingeschlafen, gesteht ein Zuschauer, doch bei achtzig Prozent dieses Theatermarathons habe er sich "glänzend amüsiert". Andere offensichtlich auch. Die spontanen Kurzkritiken der leicht erschöpften Zuschauer decken sich denn auch nur selten mit jener des professionellen Zuschauers. Verzückt berichten sie von einem "historischen, intelligenten und humorvollen Theaterabend". Nur der Schriftsteller Robert Menasse ist sich nicht ganz sicher, was ihm besser gefallen hat: "Die Inszenierung von Schleef oder die Sprache von Jelinek."

Etwas müssen sich Regie wie Intendanz trotz solch lobender Worte dennoch einfallen lassen und das "Sportstück" auf eine für das Abonnements-Publikum erträgliche Länge kürzen. Ginge es nach dem ORF-Kritiker Karl Löbl, wäre es klar, wo die Striche ohne Verlust gesetzt werden könnten: Dort nämlich, "wo Jelinek versucht, mit dichterischen Mitteln leitartikelhaft zu polemisieren. Leitartikel pflegen kürzer zu sein."

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