Premiere: 21. Juni 1997, Düsseldorfer Schauspielhaus
Mitwirkende:
Kurztext:
Kritiken:
Berliner Zeitung, 23.6.1997
Berliner Zeitung, 12.5.1998
Im Untergehen scheint die gute Seite auf - Einar Schleef inszeniert in Düsseldorf Wildes Salome
Von Andreas Schäfer
Einar Schleef inszeniert in Düsseldorf "Salome" von Oscar Wilde zwei Stunden, eine Pause. Die Salome-Fassung von Oscar Wilde, frei nach der Geschichte des Evangelisten Markus (Kapitel. 6, 17 bis 29) geht so: über dem Palast des Herodes scheint bedrohlich der Mond. Vor dem Palast schwärmt der junge Syrer von der schönen Salome. Salome wiederum schwärmt von dem jungen Propheten Johannes, der tief im Verlies hockt und alles Irdische, vor allem aber Salomes Mutter als Hure beschimpft. Salome zwingt den Syrer mit ihren vampartigen Reizen, ihr Johannes zu zeigen. Der Syrer tut wie ihm befohlen, bringt sich dann aber im Wahnsinn um. Darauf schwärmt Herodes ebenfalls von Salome, heißt sie tanzen und verspricht ihr alles. Salome also tanzt und wünscht sich den Kopf des Johannes. Herodes windet sich, hält dann aber sein Versprechen. Salome bekommt den Kopf und wird sofort "unter den Schildern der Soldaten vermalmt". Symmetrische Ordnung, Mondlichtentrükkung und die Frau als absolute Schönheit, als aufgeblasener Mythos der Jahrhundertwende.
Schleef, Teil eins: Ein dünner Steg läuft von der Bühne durch den Zuschauerraum bis zur hinteren Theaterwand. Der Steg, die Vorhangwand und die Wand hinter den Zuschauern sind aus Metall (Bühne Einar Schleef). Die vordere Wand gleitet auf und zeigt den gesamten nackten Bühnenraum, 40 Meter tief, kein Gegenstand, nur der schmale Steg bis zum Ende, geschnitten von dem Rampensteg, also ein bombastisches Kreuz. Um den Steg herum stehen Männer, einzeln, in schwarzen Frauenkleidern, unbewegt im blauen Licht, nur vorn wohl eine Frau, hokkend, unter einem orientalischen Tuch. Stille. Drei Minuten. Fünf Minuten. Räuspern im Publikum, Husten. Acht Minuten. Klatschen, Rufen, gehässiges Lachen, schließlich 15 Minuten dieses schweigende Totenbild gegen den Unmut des Publikums. Vereinzeltes Schauspielerkollektiv gegen geballtes, gesittet aufmuckendes Zuschauerkollektiv. Aber je lauter das Publikum wird, desto stärker, unberührter, selbstgenügsamer wird das Bild.
Salome Teil zwei beginnt dann so, als hätte Schleef sich über sich selbst lustig gemacht. Durch die hintere Wand hüpfen drei Jünglinge auf den Steg, nur mit Shorts bekleidet und spielen Schleef-Chor im Geiste der 90er, als rhythmisch den Steg hinuntertanzende Boy-Group. Stolz zeigen die Jungs ihre Bauchnabel, schwärmen zwar von Salome, sind aber mehr mit sich selbst beschäftigt. Dann hebt sich die Inszenierung schnell auf die gewohnte tragische Pathoshöhe und verspannt in großen Bildern den gesamten Raum. Ursina Lardi erscheint als Salome im hautengen weißen Kleid auf dem Steg (Kostüme Einar Schleef), stolz und steif wie eine Barbie-Puppe, andererseits zitternd wie ein verletztes Reh. Anstatt sich mit dem Syrer abzugeben, spricht sie gleich über seinen Kopf hinweg zum ungefähr 80 Meter entfernten Johannes (Robert Beyer). Von der hinteren Wand spricht der Chor den Namen des Königs, der gleich darauf auch auftaucht, im blutbesudelten Umhang (Helmut Mooshammer), verfolgt von seiner in schwarzes Plastik gehüllten zickigen Frau Herodias (Bibiana Beglau). Später badet der König nackt mit zwei Knaben, es werden Fackeln entzündet und ein riesiges Kreuz gleitet von der Decke herab.
Es ist also das gesamte Schleefsche Inventar versammelt. Aber selten war es so kompakt, so schlank, so konzentriert. Die Kraft, die Dynamik, die Schleef bisher hauptsächlich aufbaute, in dem er Chor gegen Individium ansprechen ließ, ist hier fast ganz eine Angelegenheit zwischen Individuen, ohne allerdings an Kraft zu verlieren. Schleef hält sich in symmetrischen Bildern ganz an die Symmetrie des Stückes, verstärkt sie und baut zu den bestehenden zusätzliche Dualitäten ein. Eine Sache, daß er die zahlreichen Parteien, die Gelehrten, die Juden, die Hofangestellten, die sich bei Wilde locker um die Hauptfiguren gruppieren, zum Chor zusammenfaßt, der hinter dem König steht, um dann freilich in dem Augenblick, in dem der König wankt, sich von ihm zu distanzieren: "Welcher Herodes? Wir kennen viele mit diesem Namen." Eine andere Sache, die wohl den eigentlichen Taumel der Inszenierung ausmacht, daß Schleef den Geschlechterkonflikt verschärft und hoffnungslos tragisch auf eine politische Ebene führt. Bei Schleef ist Herodes nicht wirklich geil auf Salome, sondern vernügt sich mit den weniger gefährlichen Jungs und hat an der Stieftochter ein rein voyeristisches Interesse. Bei Schleef ist die Königin Herodias nicht nur eine zickige Hure, sondern auch eine verbitterte Geliebte, weil ihr Mann impotent ist. Und quasi aus Impotenz faselt Herodes etwas dümmlich über Politik und noch dümmlicher von dem Propheten Johannes, den er nicht versteht, der ihn aber beeindruckt. Gleich am Anfang hatte die tanzende Boy-Group einen Satz permanent wiederholt: "Sie streiten über Religion" eigentlich der Hauptsatz des Abends. Denn mit Religion ist viel mehr als Religion gemeint. Politik. Jede Form von Theorie, Ideologie. Also alles, was nicht Liebe ist. In dieser Religion verschanzen sich die Männer. Und am religiös fanatischsten natürlich Johannes.
Bei Schleef hat jede Figur eine gute und eine schlechte Seite. Aber aus einem bestimmten Grund treffen nie die guten Seiten aufeinander. Manchmal trifft eine gute auf eine schlechte Seite, dann kann man für zarte Sekunden hoffen, daß die gute stärker ist als die schlechte. Ist aber nie. Meistens treffen allerdings die schlechten Seiten zusammen, und der Untergang ist eine Frage der Zeit. Im Untergehen freilich scheint noch einmal die gute Seite auf. Das ist der böse Witz Einar Schleefs.
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Schleef-Ego oder die Droge Theater - Schlanker Gastspielabend: Die Zwei-Stunden-"Salome"
Von Detlef Friedrich
Einar Schleef am Montag im neuesten Spiegel-Interview: "Aber entschuldigen Sie mal, die Droge bin ja ich." Die Droge Schleef-Ego ("Wenn man dran ist, ist man dran") hat bereits am Sonntag abend große Wirkung gezeigt: Schleef war "high". Jubel im Schiller Theater für des Meisters Düsseldorfer Inszenierung der "Salome" von Oscar Wilde. Stehender Applaus, ungefähr eine Viertelstunde, ungewöhnlich für Berliner Verhältnisse. Er galt den Schauspielern (Ursina Lardi als Salome, Bibiana Beglau als Königin Herodias, Helmut Mooshammer als König Herodes und anderen), aber wohl mehr noch der Rückkehr des verlorenen Theatersohns nach Berlin. Einar Schleef, den Heiner Müller, koste es, was es wolle, ans Berliner Ensemble binden wollte, den die BE-Abwickler aber flugs aus dem Tempel warfen, weil der Regisseur (Müller: "ausgeliefert seinem Talent") im Berliner Ensemble auch nach dem Tod Müllers weiter stark auf die Einnahme der Droge Schleef-Ego bestehen wollte, kehrte im Triumph zurück.
Und konnte es nicht lassen, den Sieg noch vor der Vorstellung im Schiller Theater auszukosten, indem er längst vergilbte Rechnungen bereinigen wollte: Schleef trat vors Publikum hin im "Puntila"-Frack, Unrecht sei ihm angetan worden, nichts sei dran an den bösen Verleumdungen in der Presse, er habe sich am Untergang des Schiller Theaters finanziell gesundgestoßen. Im Gegenteil, seine Konten seien alle leer und leerer.
Das Publikum wollte aber keine Rede hören, forderte Vorhang hoch, endlich spielen! Nicht wissend, daß Schleef diese Forderung kalkuliert hatte. Also, Vorhang auf. Der Hofstaat des Herodes verharrt im ersten Bild gut 20 Minuten in stummer Reglosigkeit auf magisch blau ausgeleuchteter Bühne. Das völlige Schweigen, den Stillstand des Tableaus erträgt das Publikum wieder nicht. Es reagiert mit Lachen und albernen Zurufen, wie es soll. Und dann ist Pause, Umbaupause, das Publikum wird hinausgeschickt.
An der Decke des Zuschauersaals wird währenddessen ein zirka sieben mal vier Meter messendes, metallbeschlagenes Kreuz aufgehängt, daran der fast nackte Täufer Johannes festgezurrt, nach oben gezogen, und schräg postiert. Johannes der Täufer, gespielt von Robert Beyer, hängt anderthalb Stunden bäuchlings etwa 12 Meter hoch über den Köpfen des Publikums und spricht seinen Part. Ein Schauspieler, der das auf sich nimmt, glaubt an Kunst, wie Schleef, der sich dieses Detail extra für Berlin ausgedacht hat. In Düsseldorf ist Johannes nur an der Brandmauer gefesselt. Schleef im Spiegel: Wer Angst habe, dürfe nicht zum Theater gehen: "Dann muß man zu Hause als Mimose leben." Denn sobald man sich "diesen Betrieben" nähere, "ist man der letzte Arsch".
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