Der Standard, 4. 3. 2000:
Anleitung für den zielgenauen Ausbruch - Einar Schleef las Nietzsches "Ecce Homo"
Von Richard Reichensperger
Weil Friedrich Nietzsche die Lügen seiner Zeit leidend durchschaut hatte, wurde er wahnsinnig. Das war 1889, also 111 Jahre vor Wolfgang Schüssels und Peter Westenthalers Angaben über Demonstrantenzahlen und -motive. Bismarcks Abkoppelung von Europa und der bei Richard Wagner bemerkte Antisemitismus entsetzten Nietzsche: Wehrlos trieb er durch Italien und "durch den inneren Kontinent des Menschen". Alle Brutalitäten fühlte er in seinem Ich zusammenlaufen - deshalb, knapp vor dem Zusammenbruch in Turin, eine ekstatische Autobiografie: Ecce Homo, 1888.
Mit einer Lesung von Einar Schleef daraus begann das Akademietheater am Donnerstag eine Serie von Veranstaltungen aus Anlass von Nietzsches 100. Todesjahr. Aber es war keine "Lesung". Es war die Umsetzung der luzid klaren und musikalisch-rhetorisch strukturierten Sprache durch das Orchester Einar Schleef. "Ihnen ist", sagte Schleef angesichts des großen Schlussapplauses, "diese protestantische Strenge wahrscheinlich fremd. Aber ich komme aus seiner Gegend, ich höre den Predigtton des Pfarrhauses bei Lützen (Sachsen). Es ist der Ton der revolutionären Reformation Thomas Müntzers. Es ist mir leider nicht gelungen, in allem exakt zu sein." Doch.
Schleef nahm Nietzsches in vier Teile strukturierten Verzweiflungstext zu Recht als Partitur: Er erkannte kongenial die verschiedenen Stimmlagen, die Tempowechsel und die Dynamik, die Nietzsche von Pianissimo bis Sforzato komponiert hatte. Schleef trug auswendig vor. Bewegungen des rechten Armes folgten dem Satzrhythmus, unterschiedliche Stimmhöhen unterstrichen die dialektischen Spannungen.
So im ersten Abschnitt den Riss zwischen der traumatischen Erfahrung des frühen Todes des Vaters - der Sohn war damals fünf - und der ebenso düsteren Erfahrung der Verstrickung zwischen Mutter und Schwester: "Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem Verhängnis: Ich bin als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt."
Das sei der Ursprung seiner "décadence", so Nietzsche, doch gibt es dazu die kämpferische Gegenbewegung: Weg mit allen Zwängen von außen, ruft er sich zu, weg mit eingebläuten Ratschlägen und allen bürgerlichen Lebensweisen, die doch auch nur Übereinkünfte und Lügen sind.
Für diesen Kampf gegen die Tünchen seiner Zeit prägt der Einsame das Bild des Fechters, und Schleefs Bewegungen werden zackig-zustoßend. In der Auflehnung gegen ideologisch einsickernde hohe Werte wie "Bildung" und "Nation" klingt Nietzsches Monolog streckenweise wie ein Text Thomas Bernhards, in dessen Großvaterhaus ja dauernd Nietzsche und Schopenhauer rezitiert wurden.
Herrlich auch die Ironie, die Nietzsche einsetzt: Wichtiger als die Frage nach "Gott" und "Nation" sei diejenige nach dem Essen. Und was bei Bernhard später die "Nazisuppe", das ist bei Nietzsche schon das Bier - "in München leben meine Antipoden".
Wie die Engführung in einer Fugenkonstruktion, so setzt Ecce Homo auch Nietzsches früheste Einsicht, nämlich die Spannung zwischen dem unbändigen Dionysos und der zähmenden apollinischen Kultur, in Szene: Klar, dass Einar Schleef Nietzsches Liebe zum dionysischen Chor teilt. Zwischen zärtlicher Überredung und kämpferischem Forte war dieser Abend so auch ein Plädoyer dafür, weniger brav zu sein: wild, aber in größter Genauigkeit.