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Fräulein Julie

von August Strindberg

Regie: B.K. Tragelehn und Einar Schleef
Bühnenbild und Ausstattung: Einar Schleef
Premiere: 16. März (?) 1975, Berliner Ensemble
Mitwirkende: Annemone Haase (Kristin), Jutta Hoffmann (Julie), Jürgen Holtz (Jean)

Kurztext:

Kritiken:
Theater heute, Mai 1975



Theater heute, Mai 1975:

"Julie"-Schocker

Von Christoph Müller

Acht Stunden vor Vorstellungsbeginn war immer noch nicht klar, ob der Partei und ihrem Kunstverständnis dieser umfunktionierte Strindberg zumutbar sei und nicht zu "asozial" erscheine. Sie fand dann nach heftigem Macht-Gerangel hinter den Kulissen statt, die "Fräulein Julie"-Premiere – und sie wurde ihrem Vorruf als keckster Provo-Schocker der Saison voll gerecht, sie wurde das Ver-rückteste, was im Berliner Ensemble (BE) je über die Bühne ging. In der Pause konnten Wetten abgeschlossen werden, ob und wie lange das gut gehe, ob sich zum Beispiel der schwedische Mittsommernachtstanz auf Dauer als eine wild hämmernde Beat-Orgie von ekstatisch zuckenden Oberschülern halten lasse – Hausdramaturg Heiner Müller tippte zuversichtlich, die Inszenierung werde es unbeschadet auf fünfzig Vorstellungen bringen, neben ihm in der Seitenloge heftig applaudierend Luc Bondy und Wilfried Minks, der angetan dem Vorschlag zustimmte, hier könne er doch ohne weiteres weiterinszenieren; die gleichfalls als Manierismus-Liebhaberin bewährte Intendantin Ruth Berghaus zeigte sich auch kaum von den vereinzelten Buhern und Pfeifern verschreckt, nur einer zog schon vorweg die Konsequenzen: BE-Star und Aufführungsrecht-mitverwaltender Brecht-Schwiegersohn Eckehart Schall hatte angesichts der künstlerischen Entwicklung seines Stammhauses schriftlich seine Kündigung eingereicht (doch ob diese auch angenommen wird, darüber muß, bei einem so hohen Tier, der Kulturminister höchst persönlich entscheiden).

Was denn nun, um Himmels willen, haben B. K. Tragelehn und Einar Schleef mit dem Fräulein Schüli angestellt? Radikaler noch und bildkräftiger als Zadek einst in Bremen bei Shakespeares "Maß für Maß" ließen sie zwar den Stücktext (in der Peter-Weiss-Übersetzung) ohne Abstriche sprechen, spielen aber dazu lauter eigene, heutige Szenen-einer-Ehe-Assoziationen, so daß kein "naturalistisches Trauerspiel", schon gleich kein historisches, sondern eine irritierend vielfältig aufgesplitterte tragikomische Trivial-Travestie herauskam, die sich aus tiefenpsychologischer Sexualpathologie, einem gefühlschaotischen Wie-es-sein-könnte, Eigenerfahrungen der immer wieder in improvisierenden Privatton verfallenden Schauspieler (Jutta Hoffmann, Annemone Haase, Jürgen Holtz – alle drei exzellent und wohl jeden Abend im teils parodistischen Ausstellen ihrer schauspielerischen Mittel anders) und ihrem ins Absurde gesteigerten Spieltrieb nährt.

Die Bühne ist ganz leer, nur ein nacktes Holzplanken-Podest, nach hinten vom verschlissenen Rundhorizont begrenzt, in der Mitte aufgerissen bis zu den Brandmauern. Die Köchin Kristin, gekleidet in eine Mischung aus Peking-Oper und Sorben-Folklore, singt den DDR-Schlager "Wie ein Stern in einer Sommernacht ist die Liiiebe straaahlend erwacht", dazu gewittert's. Diener Jean tanzt flatternd herein als rotgewandeter Clown mit weißen Handschuhen, einem Spitzen-Latz um den Hals und einer Godot-Melone auf dem Kopf. Er gurgelt mit seinem Wein, Kristin gluckst dazu, Textstellen werden mehrfach wiederholt oder zersungen oder in einen Kinderlallton verfremdet, das hat abwechselnd doppelnden oder kontrastierenden Effekt. Black-out, Solo-Scheinwerfer auf Julie in ihrem Bette-Davis-Tüllkleid – da steht sie wie eine Schwanensee-Elfe und haucht ein freundliches "Guten Abend" ins Publikum, um dann auch gleich lustvoll loszukreischen, Sekunden später balgen und wälzen sich die drei auf den Brettern.

Nächster optischer Schocker: Jean schnallt sich einen mächtigen Kunst-Phallus um und bedrängt damit die mit zwei Bällen ihren Busen verstärkende Köchin. Black-out. Neues Spiel: Julie zerhackt mit einem Eisenbeil den Boden, Jean reicht Bier ins Parkett, improvisiert eine kabarettistisch-virtuos sich verselbständigende Korkenzieher-Nummer, treibt Transvestiten-Mummenschanz, Kristin gibt sich stumm und elegisch einem langen Schmuck-Anlege-Ritual hin, die Beziehungen der drei zu- und gegeneinander werden grimmiger und kaputter, die Brüche und Umschwünge zwischen heiter-verspielten Befreiungsübungen und resignierender Trauer-Einsicht plötzlicher, Menschen und Sätze bespringen einander, stolpern übereinander, tauschen ihre Rollen – "Ernst oder Scherz?", fragt Jean. "Ich habe nichts Eigenes", sagt Julie und kauert sich säugend an Jeans Brust, der dennoch ungerührt zu seinen klassenkämpferischen Schlußfolgerungen ausholt. "Alles ist überhaupt so sonderbar, das Leben, die Menschen", erkennt Julie und verkriecht und verbiegt sich in einen Pappkarton: "Ich bereue." Kristin zu Jean: "Was ist merkwürdig?" "Alles." Strindberg-Original.

Nach der Pause (die der Einakter normalerweise nicht hat, normalerweise dauert er auch keine zweieinhalb Stunden) streut ein einzelner Scheinwerfer von hinten blendendes Licht über die Szene. Die drei taumeln dem Ende ihrer Tollheiten entgegen, auch ihres Privat-Seins, es wird ernst, vor der grellen Lichtquelle werfen sie große tragische Schatten, Jean hoppelt noch einmal wie ein Hase, die mit Lichtsignalen verdoppelten gräflichen Telefonanrufe führen zur Schlußkonstellation, Julie klammert sich an ihr Rasiermesser, entledigt sich des Tülls, balanciert dann quer durchs Parkett über die Stuhllehnen ins ungewisse Aus ...

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