Premiere: 18. Mai 1999, Akademietheater Wien
Mitwirkende:
Kurztext:
Kritiken:
Der Tagesspiegel, 20.5.1999
Der Standard, 20.5.1999
Einar wird gewinnen - Wie der Regisseur Schleef am Akademietheater der Wiener Burg das neue Musiktheater erfand
Von Frederik Hanssen
Eigentlich sollte er ja Ulla Berkéwicz' neues Stück uraufführen. Nur das war leider völlig ungeeignet für einen wie ihn. Also feuerte Einar Schleef das rote Suhrkamp-Büchlein in die Ecke - und baute sich mit den Textbrocken, die beim Aufprall aus den Seiten gefallen waren, mal eben das wahre Musiktheater des 21. Jahrhunderts. Außer dem schönen, Neugier weckenden Titel "Der Golem in Bayreuth" hat Schleefs "Wiener Fassung" des Berkéwicz-Fünfakters am Akademietheater der Wiener Burg mit der gedruckten Vorlage nahezu nichts gemein.
Und das ist gut so, denn die Energie, mit der Schleef die verbliebenen Satzfetzen und Szenenbruchstücke aufgeladen hat, läßt das kompliziert konstruierte, reichlich papierene Original der zweifellos hochgebildeten Autorin szenisch explodieren: Im schwarzen Anzug, mit leuchtend orangefarbenem Plüschbinder über dem rosaroten Oberhemd stürzt der Regisseur in den (noch) erleuchteten Zuschauerraum und brüllt: "Es ist Krieg!"
Damit meint er nicht das Kosovo, sondern den fiktiven Bürgerkrieg, den Ulla Berkewicz' "Haßkappen" gegen die Gesellschaft führen. Republikweit seien die Haudraufs auf dem Vormarsch, erfahren wir, jetzt auch in Bayreuth. Trotzdem werde die "Parsifal"-Aufführung stattfinden, wettert der Stadtrat Schleef - als "Symbol für bürgerliches Recht und Ordnung". Während er mit hochrotem Kopf, ganz unfränkisch sich echauffierend, etwas von Polizeiketten, von gepanzerten Fahrzeugen kreischt, formiert sich auf der Bühne ein Chor zum vielstimmigen ClusterGesumm - begleitet von zwei Klavieren, aus deren Improvisationen immer wieder der Beginn der Offenbachschen "Barcarole" oder des Wagnerschen Grals-Motivs aufblitzt. Da jagt auch schon (von rechts!) die Haßkappen-Truppe herein, barhäuptig, aber in vollem Fortissimo nach "Bier" grölend. Schleef schreit zurück, die Meute steigert die Lautstärke, der Bühnenchor will mithalten, der vokale Sturm erreicht Orkanstärke, und die Dame zu meiner Linken hält sich die Ohren zu.
Eigentlich hätte eine "Festspielgesellschaft" an dieser Stelle bei Würstchen und Sekt den Chor aus dem ersten "Parsifal"-Akt anstimmen sollen, und ein altkluger Apotheker wäre mit den Worten aufgefallen: "Messen Sie der Wirklichkeit nicht zuviel Wahrheit bei." So steht es im Stück. Das ist Schleef total egal. Er will nämlich Theater machen, und da paßt ihm Berkéwicz' feingeistige Betroffenheitsprosa einfach nicht in den Kram. Er hat wenig Interesse daran, mit der Stückeschreiberin zu erforschen, ob sich gewaltbereite Gruppenanführer durch die Macht der Liebe zivilisieren lassen und was das mit dem Golem des Rabbi Löw aus Prag zu tun hat. Also läßt er einfach die Hauptfiguren weg, pfeift aufs Einzelschicksal, macht die Statisten zu Protagonisten und baut sich aus den Textresten eine Oper.
Eine szenische Handlung für seinen grandiosen Schauspieler-Chor mit allem, was die zeitgenössische Oper braucht und fast niemals bietet: Sinnlichkeit, Sinnlichkeit, Sinnlichkeit - verkopfte, theoriegeschwängerte, am Computer ausgetüftelte Partituren kann jeder auf pseudorealistische Libretti kleben. Dann aber braucht er sich nicht zu wundern, wenn er sich das alte Vorurteil anhören muß, modernes Musiktheater könne man nicht anhören. Schleefs Oper dagegen kann man fühlen, so wie man Verdi fühlen kann und Mozart und Wagner. Weil hier lebendige Menschen die Klänge auslösen und nicht ein System, dessen Regeln nur der Komponist selber kennt. Wenn Schleefs Compagnie rhythmischen Sprechgesang auf die Zuhörer niederprasseln läßt, wenn Körper in wilden, brutalen Choreographien zucken, wenn unausgebildete Stimmen Klassik, Jazz, Volkslieder, Choräle singen, kreischen, flüstern, zerhacken, dann spürt man ihn wieder, den Geist des Gesamtkunstwerkes.
Auf Schleefs Bühne wird unentfremdet gearbeitet. Die Darsteller müssen alles können, am besten gleichzeitig. Ran an die Rampe zum A-cappella-Gesang, rein in die Tarnanzüge und die Schlagstöcke zum Ballett-Divertissement geschwungen, zurück zum Flügel als Background-Chor für die Gershwin-Paraphrase, ran an die rohe Bretterwand, Schreie ausstoßen, Leiber verknäueln. Vergeßt die Spießer-Kategorien von Schönheit, Proportion, Mäßigung; was einzig zählt, sind Ausdruckskraft und Musikalität. Handlung ist nichts, Erleben ist alles. Anders hat das Richard Wagner auch nicht gemacht: Ob es Sänger gab, die seine mörderischen Partien bewältigen konnten, ob die Musiker seine Dramen für unspielbar hielten, ob Theaterdirektoren über seinen szenischen Verwandlungsphantasien verzweifelten - der Bayreuther Meister machte keine Konzessionen. Und wurde dafür von Publikum und Presse geprügelt. Genau wie Einar Schleef. Aus dem Staub, der unablässig aus den Ritzen des Kulturbetriebs rieselt, hat sich Schleef seinen Musiktheater-Golem geformt und ihm nach alter Kabbalisten-Sitte den Shem mit der Geheimformel ins Hirn gesteckt: Aus dem Zeitgeist-Theater das Revuehafte, aus dem Tanz die Körperlust, aus der Musikgeschichte die best-of-Gewürzmischung, aus der minimal music den Wiederholungszwang, aus dem Jazz die Improvisationslust, aus dem Pop die Party.
Während die melomanen Massen in der Oper gewöhnlich allein den sportlichen Bravourstücken der Solisten entgegenfiebern, galten den Spezialisten stets die Ensembleszenen als das Bewundernswerte. Was die Fuge in der absoluten Musik, ist das Ensemble in der Oper: die Krönung der Kunstfertigkeit. Deshalb ließ der alte Verdi seinen "Falstaff" auch mit einer Ensemble-Fuge enden. Strenger noch als in seiner Version von Jelineks "Sportstück", wo Schleef seiner - um Klassen besseren - Textvorlage innerhalb des musikalischen Bildertheaters immer wieder Monologinseln einräumte, hat er aus dem "Golem in Bayreuth" (assistiert vom Komponisten Lesch Schmidt) eine einzige, dreieinhalb Stunden lang an- und abschwellende Ensembleszene gemacht. Monumental, überwältigend, nervtötend. Genial.
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Golems Erlösung aus der Nacht der Geschichte - Einar Schleefs Neudeutung des Parsifal-Mythos im Akademietheater
Von Ronald Pohl
Die von Einar Schleef in Bewegung gesetzten Statistenheere, diese dröhnenden Kollektivmarschkörper, haben einen fernen Fluchtpunkt, den sie unbeirrbar ansteuern: den Bayreuther Grünen Hügel. Wie sich Schleefs Abhandlung Droge Faust Parsifal entnehmen läßt, winkt einzig im Bayreuther Festspielhaus Erlösung von der tragischen Gegenüberstellung von geopfertem Einzelnen und blutbegierigem Chor.
Freilich auch nur dann, wenn Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal aufgeführt würde, und zwar so, wie es sich das pompöse Theaterkind Schleef ausgedacht hat: als versöhnender Trunk aller aus dem Gralskelch, wobei Opfer (Kundry) wie die Täter (Gralsritterschaft) gleicherweise abgespeist würden. "Des Weines genießt / und nehmt vom Lebensbrote!", dichtete Richard Wagner, dem auf seine alten Tage ja ganz karfreitäglich zumute wurde.
Die Uraufführung von Ulla Berkéwicz' und Lesch Schmidts Musiktheaterspiel Der Golem in Bayreuth im Akademietheater ist eine Wegmarke, ein grober, nachlässig behauener Kilometerstein auf dem Weg nach Bayreuth. Berkéwicz hat, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, Einar Schleef entgegengedichtet, und auf halbem Wege nach Bayreuth haben die beiden einander jetzt hier, in Wien, getroffen. Herausgekommen ist eine gröbere, etwas mißverständliche Bühnenkarambolage.
Denn Schleef krempelt mit seinen thüringischen Riesenhänden alles um. Das Anbranden einer Sturmtruppe von "Haßkappen" auf eine Bayreuther Festgesellschaft ist das erste Signal. Schleef, als "Stadtrat von Bayreuth" in einen mitternachtsschwarzen Anzug gekleidet, brüllt im Mittelgang fuchtelnd etwas von "Krieg". Ein Chor summt auf der Bühne Sphärenmusik auf Ligetis Weise, und die "Haßkappen" brechen wie Schillers Räuber, über den zweiten Mittelgang kommend, über die Naturholzkiste auf der Bühne schreiend herein.
Die starren Fronten zwischen den Chören lösen sich sehr bald auf. Einer der lustigen Schlager, die Berkéwicz/ Schmidt komponiert haben, gibt sogar Anlaß zu ausschweifenden Revue-Szenen. Es wird anrührend auf zwei Bösendorfer Flügeln geklimpert, und Schleef gibt angesichts schöner Frauenbeine auf dem Klavier als Chanson-Sänger den verliebten Kater.
Kaum fällt auf, daß die ganze Zeit über ein kahlköpfiger Dienstleister (Thomas Künne) mit seiner Hände Fleiß den Tanzboden geschrubbt hat. Es ist der Golem, die beseelte Lehmgeburt aus der Prager jüdischen Tradition. Ihn befreit Schleef nun über drei Stunden aus der Nacht der deutschen Geschichte.
Er bietet dazu psalmodierende Juden mit Korkenzieherlocken auf, Nato-Soldaten, das Kronen-Zeitungs-Bild von Marcus Omofuma, geklebt auf die Rückseite einer aus dem Schnürboden herabgesegelten Naturholzsynagoge. Chaos wird im Halbdunkel angebahnt. Das Bundestheater-Orchester musiziert Klezmer, Mozart, Offenbach und Wagner, meist alles zugleich.
Dem hingekauerten Golem wird von Kindern die Mitleidsfrage gestellt: "Hast du keinen Hunger und keinen Durst?" Schleef dürfte folgendes meinen: Der Gedanke vom Fest, beispielsweise dem in Nachkriegs-Bayreuth, gründet auf Verbrechen, die man den Juden angetan hat. Die Wiederkehr des Verdrängten aber weiß Schleef nicht wirklich zu organisieren. Das ist das vorläufige Ende, das ist des Einar Not.
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