Rezensionen:
Berliner Zeitung, 19. 6. 2000
Der Tagesspiegel, 16. 6. 2000
Hommage an Einar Schleef: eigener Bericht, 16. 6. 2000
Akademisches Heldenleben - Wie Einar Schleef sich als HdK-Professor vorstellte
Von Roland Koberg
Nun ist sie endlich auch Hochschul-Lehrstoff geworden, Einar Schleefs schillernde Theorie über die Tragödie: dass nämlich die Tragödie auf dem Theater aufgehört habe zu existieren, seit mit Medea die letzte griechische Tragödin buchstäblich davonflog; dass mit dem Verschwinden der trauernden Frau und des klagenden Chores das Theater seine Bestimmung verloren hat; dass eine neue Tragödie auf dem Theater sich nur "aus den antiken Stoffen rekrutieren" könne; dass Trauerarbeit Staatsarbeit sei und die Tragödie deshalb am Staatstheater Platz finden müsse; und dass seine eigenen Theaterarbeiten mit nur einer Ausnahme immer Tragödienvorstellungen gewesen seien. Mit anderen Worten: Es gibt nur eine Möglichkeit, heute Theater zu machen, nämlich so wie Schleef.
In diesem Sinne hielt letzte Woche der Regisseur, Bühnenbildner und Autor Einar Schleef, der mit dem Wintersemester die Nachfolge von Achim Freyer als Professor für Bühnenbild an der Hochschule der Künste angetreten hat, seine erste Vorlesung in der Fasanenstraße. Dass sie so spät kam und offenbar vorerst ein singuläres Ereignis gewesen sein wird (die Vorlesung fand im Rahmen einer allgemeinen Reihe statt), wird wohl damit zu tun haben, dass Schleef - darin seinem Vorgänger Freyer nicht unähnlich - seine unterrichtende Aufgabe eher praktisch begreift. Also wirken viele HdK-Studenten in der Produktion "Verratenes Volk" mit, die Schleef in vielmonatiger Arbeit für das Deutsche Theater hergestellt hat. Was wiederum die Frage aufwirft, wie sich nun jedes Jahr eine Schleef-Produktion in Berlin organisieren ließe, damit die studierenden Bühnenbildner auch gut mit ihrem Studiengangsleiter zu tun kriegen. Spione aus dem Berliner Ensemble, wo Schleef demnächst arbeiten soll, hörten jedenfalls aufmerksam zu.
"Stottern und sprechen. Nackt und Angezogen" war der Titel von Schleefs Vorlesung, die dieser freilich stotternd begann, aufgeregt wegen der für ihn unerwartet vielen Zuhörer in Raum 322 (das interessierte Berliner Publikum war eingeladen). Schleef stotterte auch noch die ersten Silben von Goethes Faust, um gleich wieder abzubrechen und mithilfe von beinahe verzweifelt gebrüllten und gehauchten Gedichten (Georg Heym, Joseph von Eichendorff) in einen Sprechfluss hineinzufinden, der für zwei Stunden anhielt, ohne dass die bereitgestellte Mineralwasserflasche geöffnet worden wäre. In der Lyrik nämlich findet Schleef jene "glaubhafte Schmerzvorstellung", die er im Drama vermisst. Die Lyrik stehe daher der Tragödie viel näher als das Theater.
Von Schmerzvorstellungen als Ausgangspunkt für Kunst war oft die Rede, vom Kreuz, das einer wie Einar zu tragen hat, vom Rucksack, den man braucht, um seine Idee, sein Thema transportieren zu können (man sah dabei Schleefs obligatorischen blitzblauen Rucksack förmlich vor Stolz am Katheder platzen). "Wenn man seine Idee nicht mehr transportieren kann, geht man kaputt", sagte Schleef.
Was das Zuhören bei Schleef anstrengend und spannend zugleich macht, sind seine dauernden, das Mitdenken überfordernden Querpässe über das gesamte Spielfeld. Hin und her geht das zwischen Privatmythologie, Geschichtsphilosophie und Alltagskultur, zwischen biografischen Erlebnissen (als damals nur eine einzige Zuschauerin in seine Vorstellung gekommen sei, Frederike Mayröckers Mutter, und die bloß, um ihn zum Essen abzuholen), Hegel (von dem der Kostümbildner Schleef die Kleiderordnung übernommen hat: das tierische Problem ist nackt, das denkende ist angezogen) und Brigitte Bardot (wie sie in "Mépris" aus dem Auto steigt, ist sie identisch mit dem Vorgang: das Aussteigen ist die Botschaft). So ging das am letzten Mittwoch dahin, genialisch sprunghaft wie in seinem Buch "Droge Faust Parsifal", mit doch mindestens einem Unglückspunkt, den Schleef nicht lassen wollte wieder und wieder zu berühren: die zurückliegende Arbeits- und Leidenserfahrung am Deutschen Theater. Es wurde von Schleef exemplarisch vorgeführt als Ort, an dem die Schauspieler keine "Ausdrucksnot" empfänden, an dem alle einen "Mantel" trügen und in jeder Produktion wieder nach einem "Mantel" verlangten. Drei Stücke habe er sich am Deutschen Theater angesehen, dann keines mehr: "Das ist Betrug an meinem Leben."
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Vorlesung über das Stottern - Zum Beispiel Brigitte Bardot - Ein Vortrag von Einar Schleef
Von Sandra Luzina
"Was ist mir denn so wehe?" Nicht in zartem Klageton, sondern mit donnerndem Furor wird dieser Eichendorff-Vers deklamiert, nein, schmetternd skandiert. Einar Schleef, Professor für Bühnenbild an der Hochschule der Künste, hatte seinen Auftritt als akademischer Vortragskünstler. Betrat pünktlich den kleinen Vorlesungssaal mit den knarzenden Holzpulten. "Stottern und Sprechen. Nackt und Angezogen." Das selbst gewählte Thema verheißt endlich Aufklärung: Über die leibliche Begründung einer Bühnenästhetik, die vor allem heftige Abwehr provoziert. Über Ausdrucksnot und Geistesdiziplinierung. Die der Form eingeschriebene Gewalt. Mit seinem Post-Punk-Haarschnitt steht Schleef am Katheder - und pfeift auf alle professorale Gelehrsamkeit. Greift zum Goethe, ach, weg damit! Hebt an zum großen Monolog. Benennt gleich das Problem, das auf sein eigenes künstlerisches Dilemma verweist: "Die Tragödie ist aus dem Theater verbannt worden." Damit hängt nun freilich ein weiteres, nicht weniger dringliches Problem zusammen: "Was soll man mit den Frauen im Theater anfangen?" Es sind unzeitgemäße Betrachtungen, die der Nietzsche-Darsteller hier vorträgt. Die Quintessenz der antiken Tragödie lässt sich mit Schleef wie folgt fassen: "Die Frau sitzt und klagt, anschließend fliegt die Frau in die Luft." Siehe Medea. Heute lautet der traurige Befund: Die Tragödie verbannt, die Frau verflüchtigt. Was also soll das Theater? Die wütende Abrechnung mit dem Theaterbetrieb zog sich als Generalbass durch die Auslassungen. These: Wo das Theater sich um die Trauerarbeit drückt, da findet die Tragödie Zuflucht im Gedicht. Als Beleg trug Schleef Gedichte von Georg Heym und Eichendorff vor - und bemeisterte sein Stottern, unterwarf sich selbst dem rhythmischen Drill. Unter der Gewalt dieses Sprechens duckte sich das studentische Auditorium. Doch man wurde im Folgenden Zeuge, wie das Denken zum Ereignis wird.
Das hatte einen hohen Unterhaltungswert, wie sich in dieser Kunstbeschimpfung Schmerz und Gelächter, Wut und Witz paarten. Schleefs Vision vom Theater: "Das Individuum ist in der Garderobe, auf der Bühne herrscht das Ganze." Nicht nur, dass dem Theater heute die Inhalte abhanden gekommen sind, auch der Kult der Individualität ist der Tod der Tragödie. Denn: "Der Interpret ist Träger einer Idee, nicht seiner selbst oder seiner Füße." Da hat er sich soweit in Rage geredet, um den zentralen Satz des Abends zu äußern: "Theater ist ein Leidensakt." Das ist Schleefs Credo. Wo das Leiden im Theater keinen Ort hat, da bleibt nur das Leiden am Theater. Und freimütig bekennt Schleef: Der größte Feind des Autors (und des Regisseurs) ist der Schauspieler. Der Schauspieler schreit nämlich: "Ich will einen Mantel!" Daraufhin kriegt der Regisseur Schleef einen Schreianfall. Denn: "Der Mensch der Tragödie ist nackt." Genauso verwerflich wie der Mantel ist die Mode mit den schwarzen Unterröcken, die dem Republikflüchtling Schleef einst im westdeutschen Theater aufgefallen ist. Eine Kombination von SS und amerikanischer Hure, ereifert sich Schleef, um sogleich in eine Apologie auf Brigitte Bardot zu fallen: Die hat nämlich nie einen schwarzen Unterrock getragen. Zweitens: Ihre Schauspielkunst (nicht ihre Brüste) seien "anbetungswürdig". An Frau Bardot müsse sich jeder Theaterschauspieler ein Beispiel nehmen - oder an der indischen Tempeltänzerin. Im Saal wird leise gekichert, doch kein Zweifel: Schleef meint es ernst.
Ihm haftet ja der Ruf eines Schinders und Dompteurs an. Dazu Schleef: "Sie können nicht 40 Leute peitschen und drillen, wenn sie einen Sprachfehler haben." Eigentlich ist er es, dem die vielen Prüfungen abverlangt werden. Wenn etwa der Hauptdarsteller - wie jüngst am Deutschen Theater - gar nicht erscheint. Da muss er als Stotterer selbst ins Zentrum treten. Die Krux mit dem Theater lässt sich mit Schleef so formulieren: Die "große" Aufführung muss andere Kräfte mobilisieren. Dann aber kommen die Schauspieler zuhauf mit den Krankmeldungen. Ja, Schleef hat uns glaubhaft vermitteln können, wie er leidet.
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Einar Schleef an der HdK
Von Wolfgang Behrens
Als nach neunzig Minuten die ersten Zuhörer den überfüllten Hörsaal verließen und dem Vortragenden so signalisierten, dass die übliche Vorlesungszeit überschritten sei, bedauerte der Redner, dass er noch gar nicht zum Thema gesprochen habe. Das Thema lautete: "Stottern und Sprechen – Nackt und angezogen", und der es sich stellte, war der Theaterregisseur Einar Schleef, der als Nachfolger Achim Freyers einen Ruf als Studiengangsleiter im Fach Bühnenbild an der Hochschule der Künste angenommen hat und dort vergangenen Mittwoch eine Art Antrittsvorlesung hielt. Tatsächlich spielte der angekündigte Titel keine Rolle, doch beim Thema – bei seinem Thema – war Schleef immer: bei der Tragödie. Einar Schleef ist, ob er nun inszeniert, Bücher schreibt oder fernsieht, von der Tragödie besessen.
Schleefs frei gehaltener Vortrag folgte augenscheinlich keinem Konzept, trieb wuchernd von einem Bild zum nächsten. Wenn die Ausführungen trotzdem nicht zusammenhangslos erschienen, so lag das an der Entschiedenheit, mit der der zentrale Gedanke noch in den entferntesten Assoziationswinkeln aufleuchtete – der Gedanke nämlich, dass die Tragödie ihr angestammtes Zuhause, das Theater, seit der griechischen Antike verloren habe. Auf ihrem Rückzug hat sie jedoch mancherlei Unterschlupf gefunden, so etwa in der Lyrik. Deshalb rezitierte der Regisseur eingangs Gedichte von Georg Heym und Eichendorff. Das Theater hat es jedoch nie aufgegeben, um die Tragödie, um Klage und Trauerarbeit auf der Bühne zu ringen. Schleef führte unterschiedlichste Gewährsleute an: Jean-Georges Noverre, einen im 18. Jahrhundert bekannten Tänzer und Pariser Ballettdirektor, der den Darsteller wieder zum Träger einer Idee, nicht zum "Träger seiner selbst oder seiner Füße" (Schleef) machen wollte. Klaus Michael Grüber, der an der frühen Schaubühne bedeutende Ansätze gezeigt habe. Pina Bausch, deren Wuppertaler Arbeiten große, schmerzvolle Bilder hervorgebracht hätten. Getrost kann man dieser Reihe noch den Regisseur Schleef selbst anfügen. Doch die Rückführung der Tragödie auf die Bühne scheitere zumeist: etwa am trägen Theaterbetrieb, an der Angst der Schauspieler vor der "Verwandlung" in die Rolle, am Fehlen der tragischen Themen, welches letztere Schleef vor allem mit dem Religionsverlust der letzten Jahrhunderte erklärte.
Der eigenwillige Vortragsstil Schleefs führte immer wieder zu funkelnden Pointen und überraschenden Einsichten. Etwa: Ein Ehepaar, das schreiend und fluchend eine Aufführung verlässt, habe etwas Positives erlebt – Einigkeit in der Ablehnung. Oder: Die oft als Schmuddelware belächelten Hongkong-Filme seien die heutige Form religiöser Kunst. Oder: Brigitte Bardot löse im bloßen Aussteigen aus einem Auto (in Godards "Verachtung") ein Problem, das kaum ein Schauspieler im Theater lösen könne – das auf einen Punkt hin konzentrierte szenische Auftreten. "Ihre (Bardots) künstlerische Botschaft ist das Aussteigen aus dem Auto." So disparat das klingen mag, so steht dahinter doch immer das Plädoyer für die – auch durchaus schmerzhafte – Wahrhaftigkeit des Theaters und gegen eine lauwarme Kunst, die Schleef im übrigen jederzeit für einen ALDI-Besuch einzutauschen bereit ist.
Zum Schluss erläuterte Schleef kurz, worüber er eigentlich habe sprechen wollen: über die Sprache des Chors in der Tragödie, über das Stammeln des ausgestoßenen Individuums und über Hegels Gedanken zur Nacktheit der griechischen Statuen. Sicherlich wäre das interessant gewesen. Verstanden haben wir ihn auch so.
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