Hommage an Einar Schleef
von Wolfgang Behrens, Berlin
In einer breit angelegten Ausstellung zeigt die Kestner Gesellschaft Hannover vom 15. Juni bis zum 28. Juli 2002 Malerei, Fotografien, Texte und Inszenierungsausschnitte von Einar Schleef. Barbara Gronau berichtet.
Anstelle eines Nachrufs finden Sie an dieser Stelle einen Text, der der Frage nachgeht, auf Grund welcher ästhetischer Prämissen Einar Schleef einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart war.
Mit einer gewissen Verzögerung haben sich in Berlin und auch anderswo die Theater besonnen und des Todes von Einar Schleef gedacht. Ein Bericht.
1. August 2001. Einar Schleef ist tot. Wie erst heute bekannt wurde, erlag Schleef am 21. Juli in einem Berliner Krankenhaus seinem Herzleiden. Mit ihm stirbt einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, die Theaterwelt verliert einen ihrer herausragenden Repräsentanten.
Schleef hatte in seinen Inszenierungen zu einer eigenwilligen und unverwechselbaren Sprache gefunden, die sich zwar moderner Mittel bediente, jedoch mit Vehemenz das Ganzheitliche und Heilige der Kunst behauptete. Einen wichtigen Bezugspunkt seines Schaffens stellte das Gesamtkunstwerk Richard Wagners dar, dessen Parsifal er ins Zentrum seines großen Buches Droge Faust Parsifal rückte. Mit der ihm eigenen Radikalität in Dingen der Kunst stand Schleef allein. Sein Tod reißt eine Lücke, die nicht zu schließen sein wird.
18. Mai 2001. Nicht ganz unerwartet hat Einar Schleef seine Auftritte bei den Wiener Festwochen, die vom 21.-23. Mai unter dem Titel Brecht Wuolijoki Puntila Schleef stattfinden sollten, aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Auch die Nietzsche-Trilogie, die am 21. Juni am Wiener Burgtheater ihre Uraufführung erleben sollte, ist auf die nächste Spielzeit verschoben. Vom 18.-27. Mai kann man jedoch eine Bühnenversion von Schleefs Erzählung Die Bande im Haus Leipzig im Rahmen des vom Schauspiel Leipzig organisierten Theaterspektakels www.heimat.le erleben. Regie führt Armin Petras.
 |
| Elfriede Jelinek |
10. März 2001. Einar Schleef hat die Rehabilitationsklinik verlassen und ist auf dem Wege der Genesung. Der Terminplan für 2001 ist allerdings gehörig durcheinander gekommen. Die für Januar am Berliner Ensemble vorgesehene Produktion von Elfriede Jelineks MACHT NICHTS wird nach Auskunft von Claus Peymann frühestens im Juni herauskommen. Die Uraufführungsehren von MACHT NICHTS wandern somit nach Zürich, wo das Stück im April in der Regie von Jossi Wieler Premiere hat. Macht aber nichts, denn Frau Jelinek schreibt bereits an einem neuen Stück, das sie gerne Schleef und dem Wiener Burgtheater zur Uraufführung überlassen würde: Die Helden von Kaprun, ein "Arbeiterstück" über die Staudamm-Erbauer.
Gefährdet bzw. ungewiß sind auch die Termine für Schleefs geplante Wiener Produktionen. Von 21.-23. Mai soll im Rahmen der Wiener Festwochen in der Halle G des MuseumsQuartiers ein Schleef-Soloauftritt mit dem Titel Brecht Wuolijoki Puntila Schleef stattfinden. (Eine ähnliche Veranstaltung gab es übrigens bereits 1999, als Schleef die erste seiner Frankfurter Poetik-Vorlesungen als Puntila-Monolog bestritt.) Schon am 14. Juni soll die Uraufführung der Nietzsche-Trilogie (mit Schleef als Autor, Regisseur und Darsteller) am Akademietheater folgen. Das wird eng!
27. Januar 2001. Heute hätte am Berliner Ensemble die Uraufführung von Elfriede Jelineks MACHT NICHTS in der Inszenierung Einar Schleefs stattfinden sollen. Fünf Tage vor der Premiere verlautete jedoch, Einar Schleef sei erkrankt - ja, es heißt sogar, er sei im Krankenhaus. Ob und wann die Inszenierung nun herauskommt, ist noch ungewiß. Vorerst bleibt also nichts anderes übrig, als den Text von Frau Jelinek auswendig zu lernen - oder zumindest eine Rezension der Neuen Zürcher Zeitung über diesen zu lesen.
 |
Szene aus Totentrompeten 3 Foto: dpa |
Am 16. November 2000 wurde am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin Einar Schleefs neues Stück Deutsche Sprache schwere Sprache, der dritte Teil der Totentrompeten, in der Regie Ernst M. Binders uraufgeführt. Alle Beteiligten, allen voran die wunderbaren Schauspielerinnen Ute Kämpfer, Lore Tappe und Gretel Müller-Liebers, erhielten lang anhaltenden Beifall. Was das Publikum begeisterte, können Sie unserem Aufführungsbericht entnehmen.
Am 14. Juni 2000 hielt Einar Schleef an der Hochschule der Künste Berlin eine Vorlesung mit dem Titel : "Stottern und Sprechen - Nackt und angezogen". Drei Rezensionen versuchen sich an der Vergegenwärtigung dieses Ereignisses.
30. Mai 2000. Zuletzt wurde am 29. Mai Einar Schleefs Revolutionsdrama nach Alfred Döblin Verratenes Volk am Deutschen Theater Berlin doch noch uraufgeführt. Die Premiere, die ursprünglich am 7. Mai stattfinden sollte, war wegen Streitigkeiten auf den Proben und anschließender Krankmeldung Schleefs verschoben worden. Die 5 1/2-stündige Aufführung ist von Presse und Publikum gleichermaßen zwiespältig aufgenommen. Lesen Sie hierzu die Kritiken und Vorberichte.

Szenenfoto aus Verratenes Volk mit den wunderbaren Protagonistinnen Jutta Hoffmann und Nina Hoss (2. und 3. von links; Foto: dpa)
Frühere Nachrichten
Als besonderes Bonbon darf ich hier die Erstveröffentlichung eines Textes der Berliner Schriftstellerin
Verena Großkreutz präsentieren.
Die kleine Prosapassage wurde durch einen Besuch von Schleefs Puntila-Inszenierung aus dem Jahre 1996
inspiriert und ist dem Roman-Projekt „Jante“ entnommen.
Aus: „Jante“
von Verena Großkreutz
„Da agierte ein Schauspieler, der eigentlich keiner war, der, sprach man
ihn als Zivilperson an, stotterte, eigentlich nicht stotterte, sondern
vielmehr bibberte, bibbernd abgehackte Worte von sich gab, dabei aber keineswegs
hilflos wirkte, sondern vielmehr so, als hätte er sämtliche die Menschheit
betreffenden Probleme durchdacht und bereits gelöst. Dennoch auch sehr
verletzlich, eine nackte Seele. Und ein sanfter Charakter. Sobald er auf die Bühne
sprang, war nichts mehr von dieser vor sich selbst bibbernden Sprache zu
bemerken. Er sprach, nein, er brüllte in einer ganz klaren, flüssigen
Artikulation, die durch ihre Schärfe und jetzt nicht mehr verdeckte Brutalität jeden
im Saal aufhorchen ließ. Eine brutale, rhythmisierte, ja, fast marschmäßig
anmutende Sprachmusik, die sich in die Hirne der Zuschauer oder vielmehr
Zuhörer eingravierte. Vielleicht dadurch ein, ließ man ihn auf die Bühne,
bedrohlicher Mensch und deshalb ein echter Künstler.“
„Herrliche Schizophrenie“, erwiderte Jante. „Herrliche Schizophrenie“,
schrie Jante. „Herrliche Schizophrenie“, brüllte Jante. Und auf einmal war es
mir, als sängen tausend Jantes im Chor. Plötzlich überkam mich das seltsame
Gefühl, dass Utopien eventuell doch zu verwirklichen seien. Irgendeine Macht
ging aus von jenem wohlstrukturierten Geschrei Jantes. Etwas, das ich schon
einmal erlebt hatte.(Alle Rechte bei der Autorin)

Lob, Beschwerden und Ergänzungen an:
wbehrens@zedat.fu-berlin.de