"Schleef fehlt". So stand es in großen Lettern im Foyer des Staatstheaters Kassel geschrieben. Der Chefdramaturg Ralf Fiedler erläuterte später bei einer Diskussionsrunde, daß Schleef für die Theaterleute immer der radikale Bruder gewesen sei, den man bewundert, dem man auch nachgeeifert habe, den man aber nie habe erreichen können, da man selbst nur allzu schnell zum Kompromiß neige. Doch es war eine Beruhigung, daß er da war, der radikale Bruder, denn er zeigte, welche Bedeutung das Theater haben konnte. Nun fehlt er. Und das Theater muß sehen, wo es bleibt.
Mit einer gewissen Verzögerung haben sich in Berlin und auch anderswo die Theater besonnen und des Todes von Einar Schleef gedacht. Schleef zu ehren - das stellt sich als Herausforderung eigener Art dar, denn gut gemeinte, aber ängstliche Versuche verfehlen den "radikalen Bruder". In ihrer zögernden Annäherung lassen sie nur um so deutlicher den Verlust der Unbedingtheit spüren, die Schleef zu eigen war. Just das erste Haus, das am 1. September zu einer Gedenkfeier lud, das Deutsche Theater in Berlin, vermochte dieser in der Lauheit liegenden Gefahr nicht zu entrinnen. Präsentiert wurden Ausschnitte aus Schleefs letzter Inszenierung "Verratenes Volk". Die einzelnen Teile aber wurden nicht nur - zwangsläufig - aus ihrem Zusammenhang gerissen, sie wurden auch, vermutlich aus falsch verstandener Pietät, ihrer zugehörigen Bilder beraubt. Margit Bendokat etwa sprach ihren großen Monolog, doch das grandios Enervierende der ursprünglichen Szene wollte sich nicht einstellen, da Frau Bendokat nicht von der Position aus sprach, die sie in der Aufführung einnahm - an der Bühnenrückwand, vom Publikum abgekehrt. Schleef inszenierte die Sprache sehr bewußt in Räume und Bilder hinein, die Störung dieser Kompositionen wird - wie sich hier sehen ließ - von einem enormen Spannungsabfall begleitet. Ähnlich erging es den vom Konzertchor der Staatsoper gesungenen musikalischen Einlagen: Ihr Sinn ließ sich nur aus der Erinnerung erschließen. An diesem Nachmittag im DT ließ nur eine Lesung Hans-Ulrich Müller-Schwefes aufhorchen: Er trug aus Schleefs Tagebuchprojekt vor. Hörend erlebte man, wie sich Schleef ein Ereignis seiner Kindheit immer wieder vornahm, sich ein ums andere Mal in die immer gleiche Situation hineinbohrte und durch geringe inhaltliche Akzentverschiebungen der eigenen Erinnerung zu unterschiedlichsten Sprachgestalten und Rhythmen verhalf.
Zwei Monate später las Müller-Schwefe, diesmal durch Rainald Goetz verstärkt, ein weiteres Mal aus den Tagebüchern anläßlich der posthumen Verleihung des vom Pfalztheater Kaiserslautern vergebenen Else-Lasker-Schüler-Preises an Einar Schleef in Mainz. Der latenten Peinlichkeit solcher Preisverleihungen begegneten Müller-Schwefe und Goetz, indem sie dem mit lokaler Politprominenz durchsetzten Publikum, das Schleef zum Gutteil wohl nur vom Hörensagen kannte, eine Laudatio ersparten und statt dessen Schleef als einen humorigen Autor präsentierten, der sich mit Furcht, Schrecken und Begeisterung einer Provinzaufführung von "Tristan und Isolde" erinnert - natürlich am Landestheater in Mainz.
Anderen Kalibers war eine Veranstaltung im Roten Salon der Berliner Volksbühne, die den 14. Oktober, einen Sonntag, buchstäblich komplett einnahm. Von 0 bis 24 Uhr lasen rund um die Uhr Schauspieler, die Schleef nahestanden, aus dessen Roman "Gertrud". Zu Beginn dieses Marathons war der Saal berstend voll, und Carl Hegemann, Volksbühnen-Hausdramaturg, bemerkte lakonisch, daß man sich frei fühlen solle zu gehen: Kunst komme auch ohne Publikum aus. Spätestens gegen 5 Uhr morgens war der Saal denn auch fast leergefegt - ein paar müde Gestalten hingen noch in den Sitzen -, und er sollte sich auch nicht mehr zur Gänze füllen. Doch Carl Hegemann und die Volksbühne hatten die Herausforderung angenommen, die Zumutung Schleef mit einer eigenen Zumutung beantwortet, und belohnt wurde dies mit unvergeßlichen Momenten. Blieben seltsamerweise so große Schleef-Protagonisten wie Martin Wuttke und Nina Hoss in ihren Parts etwas blaß, zeigten sich Thomas Thieme und Jutta Hoffmann am späten Nachmittag und Abend auf der Höhe ihrer Kunst. Thieme walkte seine Text durch, instrumentierte ihn und ließ die Rollenprosa ungemein plastisch hervortreten. Ganz anders Jutta Hoffmann, die riesige Spannungsbögen baute, jeder Passage ein eigenes Tempo abhörte, dabei aber ganz persönlich blieb und wie für sich las. Das war groß!
Eine kaum kleinere Zumutung hatte sich das Staatstheater Kassel für den 8. November ausgedacht: Eine "Nacht für Einar Schleef". Zur Zumutung des Konzepts, das tatsächlich bis tief in die Nacht szenische Lesungen, Diskussionen und Filme aneinanderreihte, kam hier die des Ortes. Kassel war und ist keine Schleef-Stadt, er hat dort nie inszeniert, und so sah sich die ambitionierte Veranstaltung von vornherein einem gähnend leeren Auditorium gegenüber. Doch es ging wohl auch gar nicht ums Publikum, es ging um Kunst und Theater, und das ließ die ganze Aktion sympathisch und richtig erscheinen. In Kassel hatten sich offensichtlich Menschen zusammengefunden, deren Erfahrung mit Schleef eine Art Zwang zur Auseinandersetzung ausübte. Den wenigen Schleef-Freunden im Parkett wurden einige Raritäten geboten: so etwa eine Lesung von Schleefs Kindermitmachstück "Das lustigste Land", in dem die Kinder dem lustlosen Königspaar mit Auswanderung drohen und es zu guter Letzt absetzen. Oder die Uraufführung einer musikalischen Annäherung an Schleefs Text "Republikflucht" von Christopher Brandt für Sopran, drei Sprecher, E-Gitarre und Baßklarinette. Schließlich fanden sich in einer Diskussionsrunde der ehemalige Frankfurter Intendant Günther Rühle, die Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann und Heike Oehlschlägel zusammen. Rühle hat bereits in früheren Texten von der "Leuchtkraft" der Person Schleefs gesprochen. Wenn er nun von seiner ersten Begegnung mit Schleef erzählte und von dessen ersten Inszenierungen in Frankfurt, so übertrug sich ein Teil dieser Leuchtkraft auf den Erzähler selbst. Und man wurde gewahr, daß eine authentische Vergegenwärtigung der Kraft des Schleefschen Theaters noch am ehesten über "oral history" stattfinden kann, über die Kraft der Zeugenschaft.
Den bisherigen Schlußpunkt im Reigen der Gedenkveranstaltungen setzte das Berliner Ensemble, das am 11. November in einer Matinee Fragmente aus der nicht mehr realisierten Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Macht nichts" zeigte. Dazwischen las Frau Jelinek in einfacher Diktion den Text "Kasperpuppen contra Marionetten" aus "Droge Faust Parsifal". Es verbietet sich naturgemäß, von den gezeigten Bruchstücken auf das Werk zu schließen. Doch anders als bei der Feierstunde im Deutschen Theater blitzte hier für Momente jene Intensität auf, die man auf dem Theater vermissen wird. Elisabeth Trissenaar gab eine messerscharf artikulierte und virtuos durchgearbeitete Kostprobe aus ihrer Partie, eine Ansprache, die eine tote Burgschauspielerin (Paula Wessely) an ihr Publikum hält. Fast überirdisch graziös über ein Lichtband schreitend, schleuderte Nina Hoss mit beängstigender Präsenz einen Monolog aus Jelineks "Sportstück", den Schleef in die Aufführung integriert hätte, aus sich heraus: Ihre "Papa"-Anrufungen drangen durch Mark und Bein. Die Chordamen sangen "Der Tod und das Mädchen", schritten dabei in bewundernswerter Ruhe, feierlich langsam den ganzen Bühnenraum von hinten nach vorne und wieder nach hinten aus. Die Beleuchtung dieser Szene zitierte mit ihren schwarz-weißen Lichtstreifen ein weiteres Mal das "Sportstück", wie überhaupt "Macht nichts" möglicherweise ein Kommentar, eine Fortsetzung zum "Sportstück" geworden wäre. Auch die bis auf die Brandmauer leergeräumte Bühne könnte darauf hindeuten. In Probenvideos sah man chorische Arrangements, die den Formenkanon Schleefs durchaus um neue Elemente bereichert hätten. Und man hörte Schleef, hörte ihn sich empören über die angeblich mangelnde Arbeitsdisziplin des Chores und hörte ihn die Rolle des Wanderers, des Vaters von Elfriede Jelinek sprechen. Die Qualität der Videos kann kaum als akzeptabel bezeichnet werden. Doch die (nicht genannten) Programmverantwortlichen hatten die Projektionsleinwand so gehängt, daß sich perspektivisch in etwa das Bild des tatsächlich hinter der Leinwand liegenden Raumes ergab. So erklang Schleefs Stimme scheinbar noch einmal in dem Raum, in den er sich inszeniert hatte - was eine nahezu gespenstische Wirkung zeitigte. Am Ende der Matinee wurde ein Kostümständer mit dem Anzug, den Schleef in "Macht nichts" getragen hätte, auf die Bühne geschoben, zwei weitere Kostümreihen senkten sich vom Schnürboden herab. Dieses stille, aber mutige Bild mahnte noch einmal eindringlich an den Verlust: Die Kostüme, die leeren Hüllen bleiben, doch der Körper fehlt - Schleef fehlt.
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