Kurztext:
Rezensionen:
Berliner Zeitung, 13. 6. 1998
Schlechtgelaunt genießen - Tief, aber dafür anstrengend: Einar Schleefs "Zigaretten"
Von Andreas Schäfer
So geht das jetzt weiter: Ein Mann sitzt in seiner Küche und wartet darauf, daß er die Kraft findet, etwas zu tun. Er will aus dem Haus, um Zigaretten zu holen. Das Kleingeld hat er schon in der Hand. Aber er schafft es nicht, sein Körper ist schwerer. Er bleibt auf dem Stuhl sitzen, beobachtet das Kaninchen in der Ecke, das an der Zeitung knabbert. Betrachtet den klebrigen Küchenboden und ekelt sich vor sich selbst. Hört auf die Geräusche der Nachbarn, die in der Nachbarwohnung oder im Nachbarhaus oder auch nur in seiner Phantasie von einem Küchenregal sprechen, vor sich eine Tasse kalten Tees, auf dem ein groteskes, brüchiges Häutchen schwimmt. Ansonsten ist seine Wohnung leer, Frau und Tochter haben ihn verlassen und Arbeit hat er auch keine mehr. Mehrmals ruft seine Mutter an und redet mit ihm wie mit einem kleinen Kind oder es ist nur seine noch immer kindliche Phantasie, die sich die Anrufe der Mutter wünscht, um sich darüber zu beschweren. Seine Frau ruft nicht an, auf 180 Seiten nicht, und gegen Ende nimmt der Mann das Küchenmesser und sticht in seine nicht anwesende Frau ein, aber statt Blut kommt Sperma, und die Frau ist noch immer nicht da, auch nicht als Tote. Immerhin: ganz am Ende steht er auf, der Boden ist gewischt, die Tasse gespült, das Kaninchen gefüttert wie von Geisterhand, er verläßt das Haus.
"Zigaretten" von Einer Schleef ist ein langer quälender Zustand. Wie die Figur erfolglos aus ihrer Haut und dieser unwirtlichen Küche möchte, so wollen auch die knapp registrierenden Sätze länger und freier sein, werden aber von ihrer eigenen Schwere zurückgezogen. "Jetzt. Der Kopf wurde schwer, er schob ihn hin und her, um sein Gewicht leichter zu machen, als nähme das aufschießende Blut die Kilo zurück. Er stützte sich wieder auf die Platte. Der Körper war ganz leicht. Leichter als am Mittag. Gegen eins war es ziemlich anstrengend. Er rutschte etwas nach vorn. Die Quittungen waren eingerissen. Das Kaninchen putzte sich wieder. Er kratzte sich, doch der Kopf blieb schwer."
Schwer ist letztlich natürlich nicht der Kopf, es sind die Erinnerungen an die Familie, an seine Tochter, die immer dann durch sein Hirn schießen, wenn er gerade aufstehen will. Der Mann tut so, als wollte er die Erinnerungen nicht, denn es sind meistens keine guten: Die pubertäre Tochter, die ihn anschnauzt oder die Frau, die sagt: Mit dir kann man nicht leben! In Wahrheit hüllt er sich wärmend auch in die negativen Bilder ein, weil sie seinen Selbstabwertungsmechanismus befeuern und seinem Selbstmitleid weiter Nahrung geben. Der Mann verstrudelt sich in einer Paranoia. Die Figuren, die Orte und Zeiten verschwimmen nicht wirklich, werden aber so eng nebeneinander entlanggeführt, daß man sie kaum mehr unterscheiden kann. Ähnlich wie in Schleefs Theater und auch in seinem großen autobiographischen Essay "Droge Faust Parzival" öffnet Schleef eine Spannung zwischen dem Individuum und einem Chor, der das Individuum zu vernichten droht, der ihm aber auch haltgebenden Widerstand bietet.
In "Zigaretten" findet dieser Kampf freilich nur im Kopf der Figur statt. Er ist im wahrsten Sinn des Wortes ein Überlebenskampf. Die Frauen verschmelzen für den Mann zu einer Stimme, in die wiederum das Gemurmel der Nachbarn einfällt. Hinzu kommt noch die Stimme seines Arbeitgebers, der ganzen Leistung fordernden Gesellschaft. Sie alle zusammen stehen quasi in seiner Küche und höhnen über sein Versagen. Und je mehr er sich gegen sie wehrt und sie beschimpft, desto weniger wird er selbst. Er verschwindet in und mit seinen Anklagen. In diesen Passagen wird der Sinn brüchig, die Sätze zerfasern und werden wahnhaft. In dem Augenblick aber, in dem das Ich des Mannes fast nicht mehr existiert, findet es Rettung in einer diffusen, aber fixen Idee.
Der Mann träumt davon, Leithund zu sein. Man erfährt nicht, wen dieser Hund leitet und gegen wen. Nur die Idee allein, eben ein Leithund zu sein, der den richtigen Weg erschnuppert, gibt ihm Kraft. Und mit dieser Kraft kämpft er gegen die langsam immer leiser werdenden Stimmen im Kopf. Der Prozeß der Selbstvergewisserung findet auch auf einer ganz kreatürlichen, körperlichen Ebene statt. Immer wieder leckt der Mann an seinem eigenen Schnurrbart. Alles faßt er an, er leckt und schmeckt Dinge, die dafür auf den ersten Blick eher ungewöhnlich sind. Zum Beispiel den klebrigen Küchenfußboden. Das reicht allerdings noch nicht. Erst muß er in der finalen Penetrations- und Mordphantasie mit den geliebten anderen verschmelzen und die gehaßten anderen im Kopf töten, bevor er endlich Zigaretten holen kann.
"Zigaretten" ist ein tiefes Buch, das den Prozeß einer psychischen Auflösung nicht von außen beschreibt, sondern gefährlich von innen spürbar macht. Und deshalb auch immer nur seitenweise zu ertragen.
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