Kurztext:
Rezensionen:
Berliner Zeitung, 7. 6. 1997
Mit der Hardcore-Methode - DROGE FAUST PARSIFAL: Einar Schleefs Versuch, tragisch der Tragik zu entkommen
Von Andreas Schäfer
Worum es bei dem neuen 500seitigen, eng bedruckten Buch des Regisseurs, Bühnenbildners, Malers und Schriftstellers Einar Schleef geht, verrät schon und in der richtigen Reihenfolge der Umschlag. Da prangen auf schwarzem Untergrund in weißer Schrift und sehr groß die Worte: 1. SCHLEEF, 2. DROGE, 3. FAUST, 4. PARSIFAL und 5., kleiner und durch eine Linie abgetrennt, SUHRKAMP. Die Worte sagen schon viel.Noch viel mehr aber sagt die Art, WIE die Worte gedruckt sind, nämlich in einer ungelenken, irgendwie eckigen, wuchtigen Schrift, bei der gleiche Buchstaben nie gleich aussehen und nicht wie geschrieben wirken, sondern eher wie gemalt oder, noch passender, wie Buchstabe für Buchstabe gewissermaßen aus dem Nichts in den schwarzen Untergrund gemeißelt, scheinbar unter körperlicher Schwerstarbeit: Archaische Zeichen im Stein oder in die Wirklichkeit gewirklichte Wirklichkeitschiffren oder: ein Mann, ein Wort, eine Realität. Kurz also: Es geht, verrät der Umschlag, in diesem Buch um das Echte, um den Mythos des Authentischen.
Es gibt bekanntlich viele Wege, sich schriftstellerisch dem Echten und also Unmöglichen zu nähern. Man kann zum Beispiel als eine Art des Schreibens das Schreiben lassen und vom Echten schweigen. Man kann das Echte auf einer gespannten Tangente entlang ansingen, wie Handke das macht. Oder, vielleicht die vernünftigste, zumindest konventionellste Lösung, man zeigt sehr formvollendet das Unechte und Gemachte und erwischt das Echte gewissermaßen durch die Hintertür, als ersehnte, aber unmögliche Utopie. Als eleganten, melancholischen Schatten, den das Geschriebene wirft.
Bleibt noch die angeblich authentischste, auf jeden Fall aber anstrengendste Hardcore-Methode. Das ist die Brinkmann-, Goetz- und natürlich auch die Schleef-Methode, die Einar Schleef schon in dem autobiographischen Erzählungsband "Die Bande", vor allem aber in dem zweibändigen Mutter-Roman "Gertrud" kraftaufwendig angewandt hat. Bei dieser Hardcore-Methode nimmt der Schreiber mit dem Satz Anlauf, schleudert den Satz mit aller Wucht gegen das Wirklichkeit genannte Weltetwas und hofft, daß er bis zum Echten vordringt. Weil das aber nie gelingt, wiederholt er mit jedem Satz den Versuch. Solange, bis er erschöpft zusammenbricht oder der Verlag sagt: Stopp, es reicht.
Das Buch "DROGE FAUST PARSIFAL" geht so: Eine Einar Schleef genannte Figur sitzt in einem tiefen, gewaltigen Steinbruch, und um sie herum türmen sich die lebens- und arbeitsbestimmenden Themen wie hohe Felsen: Die Gewalt und die Kraft der antiken Stücke, der Kampf zwischen Chor und Individuum, den Schleef publikumsspaltend in jeder Inszenierung austragen läßt.Der Kampf zwischen den sogenannten Gegenwartsstükken und den antiken Formen, der Kampf zwischen Schleef und seinen Eltern, der Kampf zwischen seinen Eltern und der Ost-Ideologie, das verteufelt Ähnliche zwischen der Stasi-Sprache und der formalisierten West-Kritiker-Sprache, der Kampf zwischen Schleef und dem Feuilleton, zwischen Schleef und dem Berliner Ensemble, zwischen Schleef und Faust und Parsifal, vor allem aber und am höchsten aufgetürmt der Kampf zwischen dem Schleef-Körper und der Schleef-Sprache , die seit einem Unfall in der Kindheit anders will als der Körper und oft nur zögerlich, stokkend, stotternd ans Tageslicht kommt. Von all diesen Themen ist die Figur haushoch umgeben, schützend einerseits, aber andererseits natürlich auch quälend, lähmend und immer mit dem Gefühl, gewissermaßen im falschen, gehaßten Selbst zu stecken, das erst zum wahren, geliebten Schleef-Selbst werden kann, wenn all diese Themen mit dem Sprachmeißel kleingeschlagen, in Schleefs eigener Metaphorik "schwanzwütig" niedergeschrieben sind. Je mehr die Figur aber meißelt und sprachschlägt, je mehr Analyse- und Beschreibungs- und Polemiksätze sie aus sich herauswuchtet, desto höher türmen sich naturgemäß die Themenfelsen, schließen ineinander und bilden zwar eine beeindruckende, geschlossene Schleefmythologie, die persönliche, deutsche und Theatergeschichte miteinander verschränkt, aber die Schleef-Figur eben niemals ins Offene und Selbstbefriedete entläßt. Kein Wort will richtig treffen, und alles ist immer anders, als man schreibt.
Die Sehnsucht freilich nach dem nackten, wahren Selbst, nach dem richtigen Wort, eigentlicher Motor dieser Schreibmaschine, bleibt natürlich, und deshalb ist das Buch eigentlich unendlich fortsetzbar. Mehrere hundert Seiten, sagte Schleef in einem Interview, liegen schon fertig in der Schublade. Umgekehrt ist das Beeindruckende und gleichermaßen Schmerzhafte, das tödlich Nervende, aber auch das Aufputschende und Mitreißende des Buches nicht unbedingt sein Inhalt, sondern sein wütender, unbarmherziger Schreibgestus. Die Genauigkeit und die Aggression, mit der Schleef seine Vergangenheit oder die gegenwärtige Theatersituation attackiert und die Liebe und Zärtlichkeit, die seltsamerweise an diese Aggression gekoppelt sind.
Fast mehr als die Hälfte der 79 Kapitel bilden Schleefs Theatertheorie, die gleichzeitig eine Art Inszenierungsrechtfertigung darstellt und nach dem einfachen Prinzip Ja/Nein Gut/Böse zirkelartig zusammengebaut ist. Erst bildet Schleef seinen ganz persönlichen, aber angeblich "bindenden" Theaterkanon. Da wären die Stücke der antiken Großmeister, die über den Shakespeare-Umweg in der deutschen Klassik bei Goethe landen, dann über Wagner zu Gerhart Hauptmanns "Die Weber" führen. Später noch ein bißchen Brecht und Müller, der Rest: Schrott.
Was verbindet die Stücke? Der Kampf zwischen Chor und Individuum. Während das Individuum vom Chor ausgesondert wird, hält sich der Chor durch Droge bei Laune und zusammen. Früher mit dem Leib Christi, später dann mit Wein. Überhaupt lasse sich die gesamte dramatische Energie in dem Widerstreit zwischen Chor und Individuum fassen, was Schleef in hauptseminarartigen Untersuchungen zu Goethes "Faust" und Wagners "Parsifal" beweist. Interessant wird es, wenn Schleef seine Globaltheorie vergißt und sich in die Stückarbeit wühlt, den Goethe-Raum mit dem Hauptmann-Raum vergleicht, Perspektiven und Sichtlinien gegeneinanderhält. Noch besser, wenn er Silbe für Silbe durch Tempo, Rhythmus und akribische Atemanweisungen Höhen und Tiefen der Texte herausarbeitet, die so schließt sich der Kreis man am besten und ausschließlich durch chorische Deklamation zur Entfaltung bringt."Da wird ein Lispeln Geschwätze, da wird ein Stottern zur Rede", eine Zeile aus Goethes Elegien ergibt nach Schleefs Lektüre folgendes: "Spannend die Stockung zwischen ,Lispeln und ,Geschwätz , die Anspannung auf ,Stottern , fast ein Hängenbleiben auf dem Wort, das ,zur wie eine Lösung der Erstarrung, dann die Entspannung auf ,Rede , mit einer gewissen Hetze wird Stokkung, Anspannung, Entspannung gut vorbereitet, das Doppel-R, spreche man zum Vergleich die Zeile ohne ,zur , sie fällt hinten ab, erst das Do ppel-R setzt den Schluß." Natürlich muß solch eine Leseanweisung mißlingen, aber sie zeigt gerade in ihrem Nicht-Funktionieren, worum es in diesem Buch geht und wie präzise Schleef arbeitet.
Zwischendurch und zum Ende hin immer mehr autobiographische Szenen, meistens Leidensgeschichten, aus Sangerhausen, wo Schleef 1944 geboren wurde, frühe Verletzungen, Krankenhausaufenthalte, sterbende Freunde, das Chaos des Umzugs von Ost- nach Westberlin, meist ebenfalls hochdramatisch aufgeladen, sozusagen erlebte tragische Gegenstücke zum inszenierten Pathos auf der Bühne, mit denen sehr geschickt Leben und Werk zum Schleef-Mythos verschmolzen werden. Und die Kunst dieses auf den ersten Blick uferlosen Mahlstroms besteht, zumindest formal, genau darin: Daß Schleef seine brutal-zärtliche Inszenierungstechnik biographisch erklärt und biographische Geschichte wiederum mit deutscher Geschichte verzahnt. Alles zusammen ergibt dann einen tragischen, quasi archaischen Untergangssog, gegen den Schleef sich einerseits aufbäumt, in den er sich freilich auch mit Selbstauflösungsgier hineinstürzt; das gleiche naturgemäß auch von Schauspielern, Zuschauern und Lesern verlangend.
Zu den ergreifendsten autobiographischen Passagen gehört die Beschreibung eines Stotterer-Kurses. Wie sich Schleef und die anderen Stotterer auf Matten legen, ihren Körper dehnen und biegen müssen und dabei sprechen sollen: Wie die Sprache erst nur tröpfelnd kommt, sich dann aber aufblähend und dämonengleich wie ein zweites Wesen aus den aufbrechenden Körpern hervorwagt, Reden, Schreien, Wimmern, Weinen, um sich dann wieder in den Körper zurückzustülpen und in den Tiefen zu verschwinden. Und wie alle nach den Übungen zusammen ein Bier trinken gehen. Grotesk natürlich und unheimlich. Genauso wie das Bier mit den Schauspielern nach der Probenarbeit.
So führt uns die Schleef-Figur ins tieftragische Zentrum ihres Lebenstheaters. Das Allertragischste aber ist, daß wie im antiken Vorbild der Tragikbefreiungsversuch nur noch zu tieferer Verstrickung führt.
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