Jutta Hoffmann - Diverse Gründe, um "Herzlichen Glückwunsch!" zu sagen
Von Detlef Friedrich
Jutta Hoffmann spielte Rosa Luxemburg, aber die Liebe begann früher. Sie begann im Dunkeln, im Dunkel des DDR-Fernsehens, 1977, ein Jahr, nachdem Jutta Hoffmann den Brief gegen die Ausbürgerung Biermanns unterzeichnet hatte. Um 20 Uhr im November sollte Frank Beyers Fernsehfilm "Geschlossene Gesellschaft" gezeigt werden, mit Jutta Hoffmann und Armin Müller-Stahl in den Rollen. Es lief, "aus aktuellem Anlass", wie es hieß, ein Dokumentarfilm über Usbekistan oder Tadshikistan. Gegen Mitternacht schickte das Adlershofer Fernsehen dann seine Zuschauer wie jeden Tag ins Bett. Der Bildschirm wurde dunkel und nach einigen Minuten wieder hell, es folgte ohne Ansage der verbotene Film von 20 Uhr, dessen Titel "Geschlossene Gesellschaft" natürlich schon etwas überdeutlich war. Es waren Szene einer Ehe, fast das Format Bergmans, die Beziehungskrise eines Paares, aber getroffen und gemeint war natürlich der Frust der sozialistischen Gesellschaft. Warum das DDR-Fernsehen und wohl der ZK-Sekretär höchstselbst die lächerliche Entscheidung des heimlich Wegsendens regimekritischer Kunst trafen, ist nur mit den Kriterien rechtschaffener Spießerpsychologie erklärbar. Jutta Hoffmann ist durch Können und durch Haltung ein Star geworden, und solche Erlebnisse machen deutlich, wie elektrisierend Kunst ein kann.
Und plötzlich, im Deutschen Theater, war dieses verrückte Gefühl, dass man jetzt für sein Leben etwas begreifen kann, unter anderen Voraussetzungen, in Einar Schleefs langem Abend "Verratenes Volk" mit Jutta Hoffmann als Rosa Luxemburg wieder da. Wo Schleef ist, waltet Tragödie, und Jutta Hoffmann ist zwischen Empfindsamkeit und Unbotmäßigkeit Schleefs ideale Interpretin, denn es ist leider wahr, dass Jutta Hoffmann selten am Theater spielt, und wenn sie spielt, spielt sie bei Schleef. Ohne die Hoffmann gäbe es (fast) keinen Schleef, und so würden wir unseren Kritikerpreis am liebsten verstanden wissen.
Im Theater muss es rappeln. Jutta Hoffmann ist Einar Schleefs kongeniale Grenzerfahrung, sie hält vollkommen die Waage zwischen Eigensinn und Einfügen, wird so zu einer Neuberin großen Zeittheaters. So fein, so klug, so mädchenhaft, so humorvoll, so bescheiden, so kräftig und so wissend kann das nur die Hoffmann. Sie spielt, dürfen wir es so sagen, eine wunderbar verzickte Rosa Luxemburg, eine Polit-Diva zwischen Selbstzweifel und Weltbeglückung, nicht die historische Luxemburg, die hinkte und durch unsere DDR-Schulbücher mit diesem schrecklichen "Trotz alledem" lief, sondern eine aus dem Jahre 2000. Die Revolution marschiert und an der Bühnenrampe kopulieren die Arbeiter. Diese Rosa Luxemburg träumt im Gefängnis von Kohlmeisen und ihrem gefallenen Geliebten, sinkt in der Marat-Badewanne in die Arme eines nackten Männerchores. Diese Rosa Luxemburg hat nur einen Schuh, was für eine grandiose Erfindung, sie macht Revolution mit nur einem Schuh. Sie legt den Brustpanzer an, und herab vom Bühnenhimmel schießt ein in Fahnerot gewickelter Speer herab, bohrt sich in den Boden, genau dorthin, wo vor einer Sekunde noch Rosa Luxemburg/Jutta Hoffmann stand. Die Revolution wird sich selber erschlagen. Die Luxemburg der Jutta Hoffmann weiß von Anfang an: Es geht nicht.
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